Snorri Sturluson

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Snorri Sturluson

Beitrag  Magiccircle am Mo Jun 13, 2011 11:02 pm

Snorri Sturluson


Erzähler der Götter- und Heldensagen


Snorri Sturluson wurde im Jahre 1179 (oder 1178) in Westisland geboren, in eine der mächtigsten Familien des Landes, die Sturlungar. Der isländische Bauernstaat basierte auf der fragilen Machtbalance von sechs führenden Familiensippen. Als die Sturlungsar in immer größerem Maße Macht und Einfluß an sich reißen konnten, geriet dieses Gleichgewicht aus den Fugen, und ein Zeitalter der Bürgerkriege entflammte. Die nicht enden wollenden Fehden machten es dem norwegischen König Haken ein leichtes Spiel, und im Jahre 1262 wurde Island der norwegischen Krone einverleibt.
In jungen Jahren wurde Snorri nach Oddi geschickt, einem Bildungszentrum in Südisland und Sitz der Familiensippe der Oddverjar. Mitglieder dieser Familie hatten schon seit Generationen ihre Bildung auf dem europäischen Festland genossen. Seamundur frodi (der Weise) hatte im 11. Jh. in Oddi die erste Schule gegründet. Auch wenn Seamundur die Lieder-Edda wohl nur fälschlicherweise zugeschrieben wurden, war er doch unbestritten einer der größten Gelehrten seiner Zeit. Die weltoffene Atmosphäre dieses nationalen Bildungszentrums hat ohne Zweifel großen Einfluß auf den jungen Snorri gehabt.
In Snorri vereinigten sich zwei deutlich ausgeprägte Charakterzüge: Streben nach Macht und Reichtum, aber auch Wissensdurst und ein engagiertes Interesse für die Dichtkunst. Sein ganzes Leben ist durch das Bestreben gekennzeichnet, Macht und Einfluß zu steigern; er ist einer der führenden Persönlichkeiten des Landes; zweimal bekleidet er das Amt des Gesetzessprechers, und dennoch findet er immer wieder Zeit, sich Literatur und Bildung zu widmen. Der polirische Ehrgeiz führt schließlich zu seinem Sturz. Snorri war im Machtkampf am norwegischen Hofe auf der Seite von Jarl Skùli Bàrdarson im-oltiert. Als König Hakon die Übermacht gewonnen hatte, ließ er zunächst seinen Schwiegervater Skùli töten und rächte sich schließlich auch an Snorri, den er auf seinem Hof Reykholt im Borgarfjödur 1241 heimtückisch umbringen ließ. Man könnte es als eine Ironie des Schicksals bezeichnen, daß ein norwegischer König am Tode des Mannes Verantwortung trug, ohne den die Geschichte der norwegischen Monarchie in Vergessenheit geraten wäre.
Zu Snorris Werken gehören die Heimskringla, die Geschichte der norwegischen Könige von ca. 400-1200 n. Chr., die Prosa-Edda (oder Snorra-Edda) sowie nach Auffassung vieler Wissenschaftler die Egilssaga, eine der bekanntesten isländischen Sagas. Innerhalb der Geschichte des norwegischen Königshofes ist insbesondere die Geschichte von König Olaf dem Heiligen (Olaf Saga helga) hervorzuheben, die wie keine andere Snorris brillante Erzählkunst bezeugt. Snorri Sturluson unterscheidet sich in seiner realistischen und objektiven Behandlung des Quellenmaterials von anderen zeitgenössischen Historikern; er vermeidet bewußt jegliche Übertreibung und Interpretation.
Die Edda von Snorri Sturluson ist die bedeutendste Quelle der nordischen Mythologie und heidnischer Bräuche. Sein Name wird schon in der ältesten Edda-Hand- dem Codex Upsaliensis erwähnt, die kurz nach 1300, nur gut 50 Jahre nach seinem Tod, niedergeschrieben worden war. Das Werk ist in vier Kapitel unterteilt: Prologus, Snorris Vorwort; Gylfaginning, Gylfis Verblendung; Skäldskaparmäl, die Sprache der Dichtkunst, und Hättatal, eine Sammlung altnordischer Versformen, die Snorri für den norwegischen König Hakon dichtete.
Aufbau und Stil entsprechen dem Zeitgeist jener Epoche. Getreu der zeitgenössischen Vorstellung von der göttlichen Abstammung der Könige entwirft er einen Stammbaum des schwedischen Königshauses, das seinen Ursprung bei den Asen hat. Deutlicher als jeder andere Zeitgenosse zeichnet er ein Weltbild der heidnischen Ahnen. Snorris Begabung, lebendig zu erzählen, wissenschaftlich zu informieren und gleichzeitig unterhaltsam zu schreiben, kommt in der oft heiteren Beschreibung der nordischen Götterwelt besonders zur Geltung. Die Götter sind menschlich und nicht frei von Fehlern; trotzdem verlieren sie in Snorris Beschreibung niemals ihre Würde. Snorri schrieb seine Edda als ein Handbuch für angehende Skalden. In Skàldskapar mal erläutert er die Skaldenkunst, die Verwendung mythischer Umschreibungen (kenningar) sowie Metaphorik. Hättatal ist eine Sammlung von 102 skaldischen Preisliedern, die Snorri für den norwegischen König Hakon gedichtet und kommentiert hat. Im Dichter Snorri Sturluson vereinigen sich der Gelehrte, der in der europäischen Bildung und den Traditionen seiner Zeit bewandert ist, und der Volksdichter, der ein Gespür dafür hat, wie man unterhaltsame Geschichten schreibt. Seine Beschreibung der Götter ist für den Leser ein reines Vergnügen. Seine Werke basieren auf altnordischen Literaturtraditionen und stellen eine einzigartige Mischung aus Historie und Fiktion dar. Auch wenn Snorri seine Werke in Island verfaßt hat, ist sein Blickwinkel immer international. Das Thema seiner Werke ist die gemeinsame geistige und kulturelle Tradition Skandinaviens und damit ein wichtiger Beitrag zum europäischen Kulturerbe. Die Snorra-Edda erschließt uns in einzigartiger Weise Weltbild und Leben der Wikinger.


Pàll Valsson
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