Die Edda: Götterdichtung,Spruchweisheit und Heldengesänge der Germanen; von Felix Genzmer

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Die Edda: Götterdichtung,Spruchweisheit und Heldengesänge der Germanen; von Felix Genzmer

Beitrag  Magiccircle am Mi Jun 15, 2011 2:34 am

Vorwort

1, Die Edda: Voraussetzungen

Als im Jahre 1912 mit der "Heldendichtung" der erste Band der Edda-Dichtung von Felix Genzmer erschien, bedeutete dies in zweifacher Hinsicht ein wichtiges Ereignis. Zum ersten Mal war es einer deutschen Edda-Übersetzung gelungen, nicht nur den Wortlaut des Urtextes ins Deutsche zu übertragen, sondern etwas von Geist und Atmosphäre der altnordischen Vorlagen lebendig werden zu lassen. Außerdem aber bildete diese Ausgabe den ersten Band einer neuen Reihe, die unter dem Namen > Sammlung Thule< in den folgenden Jahren bis 1930 auf 24 Bände und einen Einleitungsband anwachsen sollte. Es war und ist noch heute die umfangreichste Sammlung von Übersetzungen altnordischer Literatur.
1920 folgte der zweite Band der Edda-Übersetzung mit der Götter-und Spruchdichtung und auch danach bis zu seinem Tod im Jahr 1959 hat Felix Genzmer an der Übersetzung der Edda gearbeitet, ständig bemüht seinen Text dem Altnordischen weiter anzunähern, Bedeutungsnuancen genauer wiederzugeben oder dem Rhythmus der Vorlage noch enger zu folgen, als er es schon in der ersten Auflage getan hatte. Vor allem aber spiegeln sich in den von Auflage zu Auflage zu beobachtenden Veränderungen auch die unterschiedlichen wissenschaftlichen Bewertungen der Edda selbst wider.
Mit dem Begriff Edda verbindet man oft die Vorstellung von Dichtungen, die in eine graue germanische Vorzeit zurückreichen, von urtümlichen Heldenliedern, alten germanischen Mythen oder von geheimnisvollem Wissen. Solche Vorstellungen führen jedoch in die Irre. Zunächst muß man die Edda-Lieder als Schöpfungen des Hochmittelalters betrachten, und erst in zweiter Linie kann man untersuchen, wieweit ihr Stoff oder ihre Formen oder auch ihre geistige Haltung weiter zurückreichen und Vorstellungen viel früherer Epochen wiedergeben. Denn unter dem Namen Edda faßt man Dichtungen zusammen, die vor allem im 13 Jahrhundert in Island niedergeschrieben worden sind, also zu einer Zeit, als die Bewohner der Insel seit mehr als zwei Jahrhunderten Christen waren und gewiß nicht mehr einfach an die alten heidnischen Götter des Nordens glaubten. Dabei ist der Name Edda selbst erklärungsbedürftig, denn zu Recht kommt er nur einem großen poetologischen Handbuch von Snorri Sturluson (1178/79-1241) zu, der gewöhnlich als ´jüngere Edda`bezeichnet wird (vgl. Sammlung Thule, Bd. 20). - Eine Handschrift dieses Werkes enthält die Überschrift: > Dieses Buch heißt Edda, Snorre Sturlas Sohn hat es zusammengesetzt, so wie es hier geordnet ist<, und damit gehört die Handschrift zu den wenigen altnordischen, in denen ein Verfassername angegeben wird. Allerdings ist die Bedeutung des Namens Edda nicht gesichert: möglicherweise bezieht er sich auf den Ort Oddi in Südwestisland, an dem Snorri erzogen wurde; dann würde der Name >Buch von Oddi< bedeuten. Vielleicht, so meinte man vor allem in früherer Zeit und vereinzelt auch noch heute - ist es zu einem altnordischen Wort ´edda´, >Urgroßmutter< zu stellen. Der Name kann aber auch zu einem Wort ´ódr`, >Gesang, Dichtung<, gehören und seine eigentliche Bedeutung wär dann einfach >Buch von der Dichtung, Poetik<.
Snorri hatte versucht, die Dichter der Zeit, die Skalden mit dem Rüstzeug für die Kunst der Skaldendichtung vertraut zu machen, mit den Metren, den für die Skaldik charakteristischen metaphorischen Umschreibungen, den ´kenningar`(Singular f. kenning) und den zum Verständnis der Kenningar erforderlichen Mythen und Heldensagen. So folgt in seinem Buch auf den ersten Teil mit dem Titel "Gylfaginning>Verblendung der Gylfi<, in dem Snorri eine zusammenfassende Darstellung der heidnischen Mythologie des Nordens gibt, ein zweiter Teil "Skáldskaparmál, >Dichtersprache< mit einer systematischen Behandlung des Kenning-Systems und endlich das Mustergedicht "Háttatal.>Metren-Verzeichnis<,in dem alle Skaldenmetren verwendet und interpretiert werden.Vor allem im ersten Gylfaginning, benutzt Snorri zu seiner Schilderung des ganzen kosmologischen Ablaufs von der Entstehung der Welt bis zu ihrem Untergang zahlreiche Strophen, aus Liedern, deren Namen er häufig nennt, von denen man aber lange Zeit nichts wußte. Snorris Edda blieb in Island auch in den folgenden Jahrhunderten bekannt und wurde in mehreren Handschriften verbreitet. Wegen der Zitate im ersten Teil meinte man aber, es müßte noch ein älteres Werk geben, aus dem Snorri diese Strophen entnommen hatte. Als der isländische Bischof Brynjólfur Sveinsson wahrscheinlich im Jahre 1643 in den Besitz einer Handschrift mit poetischen Texten kam,von denen mehrere mit den von Snorri zitierten übereinstimmten, nahm man an, die lange gesuchte Liedersammlung von Snorris Edda gefunden zu haben. Man nannte deshalb dieses Werk ebenfalls Edda oder- um es von Snorris Buch zu unterscheiden Ältere Edda und schrieb es dem berühmtesten isländischen Gelehrten vor Snorri zu dem Priester Saemundr Sigfússon mit dem Beinamen "inn fródi,>der Geschichtskundige< (1056-1133). Deshalb benutzte man für das Werk lange Zeit auch den Namen "Saemundar Edda" im Gegensatz zu "Snorra Edda". Aber die Handschrift mit dieser Liedersammlung, wegen ihrer späteren Aufbewahrung in der königlichen Bibliothek in Kopenhagen ´Codex Regius der Lieder Edda`genannt, wurde wohl erst um 1270 geschrieben, und auch eine ihr wahrscheinlich vorausgehende, jetzt aber verlorene Handschrift dürfte kaum vor 1250 entstanden sein. So ist die ´Lieder Edda`die man oft als ´Ältere Edda bezeichnete, jünger als die´Snorra Edda`häufig ´jüngere Edda`genannt, und von Saemundr kann die Lieder-Edda schon gar nicht stammen. Wie soll man den Begriff Edda-Lied definieren? Dies ist tatsächlich mit Schwierigkeiten verbunden, denn zunächst kann man so nur die poetischen Werke bezeichnen, die im ´Codex Regius`stehen. Im Jahre 1691 wurde jedoch ein Handschriftenfragment mit einigen Götterliedern bekannt, die sich auch im ´Codex Regius`fanden. Darüber hinaus enthielt dieses Fragment A , das bald danach die Signatur AM 748 1,4to bekam, ein bisher unbekanntes Lied der gleichen Art mit dem Titel ´Baldrs draumar`>Balders Träume<. Inhaltlich und formal verwandte Dichtungen fanden sich jedoch bald in anderen Texten, vor allem in manchen ´Formaldarsögur (>Vorzeitsagas<), also Sagas über Heldensagen und Wikingerstoffe, die in der uns vorliegenden Gestalt meist nicht weiter als bis ins 13.Jahrhundert zurückreichen, teilweise aber älteren Stoff enthalten. So weitete sich der Begriff ´Eddalieder`aus und wird heute als Gattungsbegriff verwendet.Man könnte ihn am einfachsten definieren als >Lieder von der Art, wie sie sich im Codex Regius der Lieder Edda finden<.
Die älteren Ausgaben der Lieder Edda hatten sich in der Regel darauf beschränkt, außer den Liedern des Codex Regius nur einige wenige Lieder aus dem Edda Fragment A und aus Handschriften der Snorra-Edda wiederzugeben. Im Jahr 1903 war jedoch von Andreas Heusler und Wilhelm Ranisch eine wichtige Sammlung herausgegeben worden mit dem Titel " Eddica minora, Dichtung eddischer Art aus dem Formaldarsögur und anderen Prosawerken". Hier war zum ersten Mal der Versuch gemacht worden, alle Texte, die ihrem Inhalt und/oder ihrer Form nach den Liedern des Codex Regius nahekamen, aus den verstreuten Sagas zusammenzufassen. 1905 war der junge Jurist Felix Genzmer, der sich schon länger für die altnordische Dichtung interessiert, nach Berlin zu Andreas Heusler gegangen, dem damals führenden Forscher im Bereich der altnordischen Literatur; von ihm erhielt er die entscheidenden Anregungen für seine Beschäftigung mit den altnordischen Texten. Andererseits war es auch Heusler, der sich dafür einsetzte, daß die Genzmersche Übersetzung der Lieder-Edda die groß angelegte Reihe der >Sammlung Thule< eröffnete.
Freilich: Wer diese erste Ausgabe der Edda-Übersetzung Genzmers mit der vorliegenden Ausgabe vergleicht, wird viele Unterschiede feststellen können, und keineswegs, nur nebensächliche. Viele Lieder enthalten in der jetzigen Übersetzung mehr Strophen als in der Edition von 1912 und 1920 und auch die Anordnung der Lieder- vor allem im Götterliedteil- ist ganz anders als in der ersten Ausgabe. Diese Edition hat zwar der Forschung kräftige Impulse gegeben, aber in ihrer wechselnden Gestalt spiegelt sich selbst die Entwicklung der Edda-Forschung über viele Jahrzehnte wider.Was für einer Edda begegnen wir denn in dieser Ausgabe? Um dies zu erkennen, muß man auf eine Strecke den verschlungenen Pfaden der Edda-Forschung folgen.


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