2.Genzmers Übersetzung im Spiegel der Edda-Forschung

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2.Genzmers Übersetzung im Spiegel der Edda-Forschung

Beitrag  Magiccircle am So Jun 19, 2011 10:23 pm

Die erste Ausgabe der Übersetzung trägt in vielfacher Hinsicht die Spuren von Andreas Heusler. Genzmer bezog in seine Ausgabe nicht nur die klassischen Edda-Lieder ein, sondern einen großen Teil der Texte die Heusler und Ranisch in den Eddica minora herausgebracht hatten. so wurde die Übersetzung Genzmers die vollständigste Sammlung eddischer Dichtungen,die damals überhaupt existierte- nicht einmal die verschiedenen Editionen des Urtextes erreichten sie in ihrem Umfang, und auch heute noch gibt es keine Ausgabe des altnordischen Textes, der den Rahmen so weit ziehe, wie es Genzmer getan hatte. Heuslers Einfluß zeigte sich aber auch noch in anderer und-wie man heute meint-vielleicht weniger glücklicher Weise. Der alten romantischen These, daß die Dichtungen wie die Heldenlieder >vom Volk< geschaffen worden seien, war Heusler entscheden entgegengetreten: Nicht aus dem anonymen,romantisch überhöhten >Volk< seien die Heldenlieder entstanden, sondern sie seien Schöpfungen individueller Dichter. Das bedeutet aber,daß man sie als indviduelle Kunstwerke behandeln muß,nicht als Leistung des anonymen Volkes oder gar der >Volksseele<. Eine längere schriftliche oder mündliche Überlieferung konnte einen solchen einmal geformten Text verändern und stören, und Edda-Herausgeber des späten 19. Jahrhunderts hatten konsquenterweise das Skalpell der >höheren Textkritik< an die Lieder angelegt und versucht,sie wieder in ihre alte,vermeintlich ursprüngliche Gestalt zurückzuführen. Häufig wurden zahlreiche Strophen,die man für späte Zutat hielt,gestrichen. Die Zeit der ärgsten Auswüchse eines solchen Verfahrens war zum Glück schon vorbei,als Genzmer seine Übersetzung schuf,aber ganz freigeblieben sind Heusler und er von solchen Versuchungen nicht. In zwei Punkten griffen sie in den überlieferten Textbestand ein: in der Anordnungder Lieder insgesamt,sowie bei der Behandlung einzelner Lieder und insbesondere der sie begletenden Prosastellen. In der Einleitung zum ersten Band der Edda-Übersetzung heißt es:

(Unsere Edda hat sich) >erlaubt an den Gedichten etwelche >höhere Kritik< zu üben: störende Zutaten zu entfernen,Lücken zu füllen,Verschobenes umzustellen. Die Prosaabschnitte besonders forderten zu schärferer Sichtung heraus.(....) Bei diesem ganzen Verfahren schwebt das Ziel vor: die Eddageschichte als Kunstwerke dem kunstliebenden deutschen Leser in die Hand zu legen,sie tunlich zu befreien,von den kunstwidrigen Zufällen,womit ihnen die mehr stoff-als formbegierigen Schreiber zusetzten.<

Auch die Reihenfolge der Lieder änderte Genzmer. Im Codex Regius sind sie nach einem bestimmten System geordnet;der erste Teil mit Götterliedern ist deutlich vom zweiten Teil mit Heldenliedern getrennt,und jeder Teil hat eine bestimmte innere Ordnung,zu deren Aufhellung die Forschung in den letzten Jahrzehnten viel Mühe aufgewandt hat. Genmer hat in der ersten Ausgabe seiner Übersetzung diese von der isländischen Handschrift vorgegebene Anordnung aufgegeben und er begründet dies so:

Dieser Sammler ordnet die Stücke nach inhaltlichen nicht künstlerischen Eigenschaften. (...) Das vorliegende Werk hat die alte Reihenfolge grundsätzlich aufgegeben. Oberster Einteilungsgrund ist auch hier der stoffliche:Wir scheiden die drei Massen Heldendichtung,Götterdichtung,Spruchdichtung. (...) Soweit es diese inhaltlichen Gruppen zulassen,ordnen wir nach Merkmalen der dichterischen Gattung.(...) Unser Vorgehen stellt die künstlerische Eigenart,das Unterscheidende einzelner Denkmäler klarer heraus.
Bei all den vielfältigen und im Laufe der Jahre noch gewachsenen Pflichten-seit 1920 war Genzmer Professor für öffentliches Recht-arbeitete er ununterbrochen an der Edda weiter,und man kann von Auflage zu Auflage beobachten,wie intensiv er nicht nur ständig den Text zu verbessern versuchte,sondern wie er auch neue wissenschaftliche Forschungen verfolgte und deren Resultate benutzte. Dabei war gerade er selbst einer von jenen,die neue Betrachtungsweisen erarbeiteten. Er wandte sich als einer der ersten gegen die alte Heuslerische Vorstellung,Heldensagen habe nur in Form von Heldendichtung existiert. In einem Aufsatz aus dem Jahr 1948 mit dem Titel Vorzeitsaga und Heldenlied wendet er sich entschieden gegen diese Auffassung. Manche der älteren Heldenlieder in der Edda haben ja eine ganze Heldensage zum Inhalt und nicht nur eine Episode;aber auch in diesen Edda-Liedern wird das Geschehen so knapp und oft nur in Andeutungen wiedergegeben,daß man ein solches Lied nur richtig verstehen kann,wenn man mit der Sage schon von vornherein vertraut ist. Also muß es auch schon vorher eine Textüberlieferung in Prosa in irgendeiner Form gegeben haben. Dann mußte man den überlieferten Texten selbst wieder größeren Wert beimessen. In den späteren Auflagen der Edda-Übersetzung näherte sich Genzmer immer mehr dem originalen Text an. Manche früher ausgeschiedene oder verschobene Strophe wurde wieder aufgenommen oder an ihren ursprünglichen Platz zurückversetzt;und sogar in der Abfolge der Lieder folgte er jetzt etwas enger als vorher der vom Codex Regius vorgegebenen Reihung. Innerhalb der Heldendichtung war Genzmer mit seiner Umarbeitung schon recht weit fortgeschritten,aber seinen Plan die Edda-Übersetzung ganz neu zu gestalten und den Ergebnissen der neueren Forschung,aber auch seinen eigenen neuen Erkenntnissen anzupassen,diesen Plan hat er nicht mehr verwirklichen können. Die vorliegende Sammlung beruht auf den letzten von Genzmer selbst besorgten Ausgaben der Edda,verschiedenen einbändigen Ausgaben, aber auch auf einer Ausgabe ausgewählter Heldenlieder in Reclams Universal-Bibliothek 1952 und 1958,erweitert 1961,sowie vorallem auch auf handschriftlichen Korrekturen,Notizen,Briefen und anderen Vorarbeiten Genzmers. Es ist somit der wohl vollständigste Text der Edda-Übersetzung,der Genzmers letzte Vorstellungen von dem Werk am besten wiedergibt.






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