3. Edda und Edda-Übersetzung: Götterdichtung und Spruchweisheit

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3. Edda und Edda-Übersetzung: Götterdichtung und Spruchweisheit

Beitrag  Magiccircle am Mi Jun 22, 2011 9:30 am

Die Götterlieder bilden den ersten Teil der Genzmerschen Edda, im zweiten Teil faßte er die Spruchdichtungen zusammen und im dritten die Heldenlieder. Dies entspricht nicht ganz der Einteilung im Codex Regius; auch da bildet zwar die Heldendichtung einen eigenen Teil aber innerhalb der Götterdichtung stehen auch die Havamál >Sprüche des Hohen<, eine Sammlung von Spruchdichtungen,die von Genzmer-wie schon erwähnt-in Einzelgedichte aufgelöst wurde und nun einen guten Teil der Texte in seinem Abschnitt >Spruchweisheit< bildet. Die Götter und Spruchdichtungen im Codex Regius sind offenbar in einer bewußten Reihenfolge angeordnet. Am Anfang steht die Völuspá (>Der Seherin Gesicht<), ein großer visionärer Überblick über das Geschick des Kosmos, von der Entstehung der Welt und der Götter,der Riesen und Menschen bis zum Untergang der Welt und ihrer Wiedererstehung. Darauf folgen drei Lieder,in deren Mittelpunkt Odin und sein Wissen steht: die >Sprüche des Hohen< (Havamál),in denen Spruchweisheit zusammengefaßt wird, die mit Odin in Verbindung gebracht werden,sowie das >Wafthrudnirlied< (Vafprúdnismál) und das >Grimnirlied< (Grimnismál). Im Mittelpunkt des Geschehens im nächsten Lied,dem >Skirnirlied< (Skirnismál auch For Skirnis),steht eine Werbungsgeschichte des Gottes Freyr,um die Riesentochter Gerd. Nun kommen vier Lieder, in denen Thor eine besondere Rolle spielt: das >Harbardslied< (Hárbardzliód) handelt von einem Zankgespräch zwischen Odin und Thor,daran schließt das >Hymirlied< (Hymiskvida) an, das von einem Thorsabenteuer berichtet und das durch eine Prosapassage direkt mit >Lokis Zankreden< (Lokasenna) vebunden ist. Hier tritt Thor erst ganz am Schluß auf und erst ihm gelingt es Loki zum Schweigen zu bringen. Daran schließt das burleske >Thrymlied< (Prymskvida) an. Darauf folgt scheinbar unvermittelt das >Wölundlied< (Völundarkvida) das heute gewöhnlich zu den Heldendichtungen gezählt wird und bei Genzmer auch in dieser Liedergruppe steht.Nach der Edda ist Wölund albischer Herkunft und es mag sein, daß das Lied deshalb unter die Götterdichtungen gezählt wurde. Das Ende des Götterliedteils im Codex Regius bildet das >Alwislied< (Alvismál, das einen Wissenswettstreit zwischen Thor und dem Zwerg Alviss zum Inhalt hat. Der Bogen spannt sich also von den großen mythologischen Überblicksdichtungen zu Liedern,die Einzelmythen zum Gegenstand haben. Insgesamt macht dieser Teil der Lieder-Edda im Codex Regius den Eindruck einer geschlossenen und bewußt aufgebauten Komposition,freilich,wie Genzmer zu Recht beobachtet hatte,nach inhaltlichen Gesichtspunkten,nicht nach künstlerischen oder ästhetischen.-Eine eigehende Untersuchung der Paläographie und Orthographie des Götterliedteils durch den Schweden Gustaf Lindblad gezeigt, daß in diesem Teil die Schreibung ziemlich einheitlich ist,man muß also wohl damit rechnen,daß diese Lieder auf eine ältere,schriftliche Sammlung zurückgehen.
Genzmer fügte diesen Liedern noch einige hinzu, die sich nicht im Codex Regius finden. >Balders Träume (Baldrs draumar) stehen in dem oben erwähnten Edda-Fragment A das >Merkgedicht von Rig< (Rigspula) findet sich in einer Handschrift der Snorra-Edda, das >Hyndlalied< (Hyndloliód) ist in einer großen Sammelhandschrift aus dem späten 14. Jahrhundert überliefert, der Flateyjarbok,und einen Teil des >Hyndlaliedes< bildet die >Kürzere Seherinnenrede< (Völospa in skamma). Das >Fjölswinnlied< (Fiölsvinnzmál) ist-zusammen mit dem von Genzmer unter der Spruchdichtung übersetzten >Zaubergesang der Groa< (Grógaldr) nur in jungen Papierhandschriften überliefert. Das >Walkürenlied< (Darradaliód) endlich,das bereits der Skaldendichtung nahesteht,wird in der >Geschichte vom weisen Njal< (Njáls saga) überliefert.
Diese 16 Textesind nach Inhalt,Form und Alter sehr verschieden. Ehe wir uns aber einige von ihnen etwas näher betrachten,muß eine generelle,für das Verständnis der eddischen Götterdichtung allerdings entscheidende Frage gestellt werden. Wenn es sich bei diesen Liedern oder zumindest bei inigen von ihnen wirklich um Texte handelt, die in die Zeit des Heidentums zurückgehen,heidnische Mythen und Vorstellungen wiedergeben und damit etwas vom Glaubensleben des Nordens in paganer Zeit wiederspiegeln,dann ist es schwer zu begreifen,wie sie im 13. Jahrhundert,also mehr als zwei Jahrhunderte nach der Einführung des Christentums in Island aufgezeichnet werden konnten. Bis auf ganz geringe und vereinzelte Ausnahmen können wir in keinem Land germanischer Sprache etwas ähnliches beobachten. Wenn man in England oder Deutschland Spuren heidnischer Vorstellungen erkennen kann,so findet man sie meist in Abschwörungsformeln in Synodalberichten und dergleichen,in Texten also,in denen man sich gerade gegen solche Äußerungen des Heidentums wendet. Wirkliche Götterlieder wie im Norden gibt es im germanischen Sprachgebiet sonst nicht. In Island aber existiert nicht nur eine solche überraschende Fülle an Götterdichtungen,sondern mit der Prosa-Edda des Snorri Sturluson besitzen wir sogar eine geschlossene,systematische Darstellung der heidnischen Mythologie,ein Unikum nicht nur in der germanischen,sondern auch in den anderen volkssprachlichen Überlieferungen des Kontinents. Man kann das sicher nicht damit erklären,daß sich hier,in der Abgeschiedenheit Islands,solche alten Traditionen eben besser erhalten hätten als im Süden. Denn erstens war Island keineswegs so abgeschieden,wie man sich das oft vorstellt,es hatte regen Anteil an den theologischen,wissenschaftlichen und literarischen Entwicklungen Europas,und außerdem ist es mit der Erhaltung alter Überlieferungen allein nicht getan:Damit sie die Zeiten überdauern,müssen sie ja auch niedergeschrieben werden. Die Kunst des Schreibens aber ist erst mit dem Christentum nach Island gekommen,und wer im 13. Jahrhundert in Island wie auch sonst in Skandnavien diese Fähigkeit beherrschte,war entweder selbst Geistlicher oder war von Geistlichen erzogen worden oder in einem geistlich bestimmten Umkreis aufgewachsen. Dies gilt auch für Snorri,der seine Jugend auf dem Hofe Oddi in Südwestisland verlebte,einem der großen Zentren geistlicher Gelehrsamkeit,wo ein paar Jahrzehnte vor Snorri auch Saemundr Sigfússon gewirkt hatte. Die Niederschrift von eddischen Götter-ind Heldenliedern konnte ebensowenig gegen den Willen der Geistlichkeit erfolgen,wie Snorri seine Prosa-Edda gegen den Willen der Kirche hätte schreiben können,aber diese Frage stellte sich gar nicht. Das eigentlich Erstaunliche an der altisländischen Literatur ist nicht,daß sich hier so viele ältere Überlieferungen halten konnten,sondern daß sie sich auch unter ganz anderen geistigen und religiösen Bedingungen weeiterentwickelten,und daß sie am Ende auf Pergament gebracht wurden. Dieses Phänomen vor allem gibt es zu erklären,doch kann das hier nur mit ein paar kurzen Andeutungen geschehen.
Die erste Voraussetzung für das weiterbestehen älterer Traditionen war die Art,wie in Island das Christentum angenommen wurde. Viele Isländer waren schon vorher in Kontakt mit dem neuen Glauben gekommen, manche waren auch bereits während des 10. Jahrhunderts Christen geworden. Gegen Ende des Jahrhunderts verstärkte der norwegische König Olav Tryggvason seine Missionsbestrebungen, es gab widerstreitende Parteien in Island,und die Frage des Glaubens bedeutete auch und vor allem eine politische Entscheidung. Das Allthing des Jahres 999 oder 1000 bestimmte einen als besonders verständig geltenden Mann,einen Anhänger der heidnischen Partei,der allein für alle die Entscheidung treffen sollte,und er entschied für das Christentum. so brachte die Einführung des Christentums in Island keine tiefgreifenden Glaubenskämpfe mit sich,und die Kirche hatte keinen Anlaß,scharf gegen alte Vorstellungen vorzugehen.
Dazu kam, daß es durch die neue Religion auch kaum gesellschaftliche Verschiebungen gab, die alten bedeutenden Familien büßten durch die Christianisierung kaum etwas von ihrer Macht ein,und nicht wenige Goden,die sich vorher vielleicht mehr schlecht als recht um den Vollzug der heidnischen Opfer gekümmert hatten,errichteten nun Kirchen bei ihrem Hof. Überdies wurde die schwierige,traditionelle Kunst der Skaldendichtung nach wie vor gepflegt,und es daurte nicht lange,bis sich die Skaldik auch christlichen religiösen Stoffen zuwandte. Eines der wichtigsten Kunstmittel der Skaldik sind die anfangs schon genannten Kenningar,das sind metaphorische Umschreibungen,die man nicht verstehen kann,wenn man nicht eine erhebliche Anzahl von Mythen und Heldensagen genau kennt. Solange in Island die Skaldendichtung weiter gepflegt wurde,und das war noch fast drei Jahrhunderte der Fall,konnte auch die Kenntnis alter heidnischer Mythen und Heldensagen nicht ganz verschwinden.
Dies alles sind Faktoren,die zwar die Bewahrung älterer Überlieferungen und sogar deren Weiterentwicklung plausibel machen können,die aber nicht erklären,weshalb alte mündlich tradierte Texte jetzt literarisiert und - mehr oder weniger verändert - schriftlich fixiert wurden. Ein solcher Vorgang beruht auf zwei Voraussetzungen,auf der Fähigkeit zu schreiben und auf der Kenntnis der alten traditionellen Texte. Viele Geistliche waren Isländer und gehörten selbst alten und traditionsreichen Familien an, die - so müssen wir annehmen - auch füe die Bewahrung von älteren Überlieferungen besonders wichtig waren. Nicht wenige Isländer,ob Geistliche oder Laien,die der Kunst des Schreibens fähig waren,dürften deshalb auch mit alten traditionellen Stoffen vertraut gewesen sein. Dazu kam noch ein für Island besonders glücklicher Umstand: In Island wurden in den ersten Jahrhunderten ausschließlich Benediktiner- und Augustinerklöster eingerichtet,wobei allem Anschein nach die Benediktinerklöster und vor allem das Kloster Thingeyrar in Nordisland für die Entwicklung der Literatur besondere Bedeutung erlangten. Benediktiner beschäftigen sich auch auf dem Kontinent intensiv mit der Geschichte und den Wissenschaften auch vor dem Christentum; Vergil und Livius,Sallust und viele andere Autoren wurden von Benediktinern hochgeschätzt und fleißig gelesen. Benediktinisches Denken war offen auch für die Zeugnisse der Vergangenheit. Zwar ist es sicher,daß Mönche des Klosters Thingeyrar wichtig waren für die Entwicklung der Sagaliteratur,ob sie freilich in irgendeiner Weise die Niederschrift älterer Götter- und Heldenlieder unmittelbar beeinflußten,das wissen wir nicht. Benediktinischer Geist äußerte sich aber wohl auch hier in einer grundsätzlichen Aufgeschlossenheit gegenüber der Vergangenheit und ihrer Literatur und bereitete so die Voraussetzung,daß sich Männer wie Snorri,aber vor ihm auch andere,uns nicht namentlich bekannte Isländer,mit Götter- und Heldenliedern und Spruchdichtungen beschäftigen und sie niederschreiben konnten. G. Lindblad hat jedenfalls gezeigt,daß mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Codex Regius zwei getrennte schriftliche Sammlungen vorausgegangen sind,eine mit Heldenliedern,eine mit Götterliedern. Sie dürften zwischen 1210 und 1240,vielleicht noch etwas früher entstanden sind. Es gibt nach Lindblad sogar Hinweise darauf,daß einzelne Edda-Lieder schon um 1200 niedergeschrieben wurden.
Dies sind Fragen und Ergebnisse der neueren Edda-Forschung,die Genzmer nocht bekannt sein konnten,die aber insbesondere für die Intepretation der Götterdichtung große Bedeutung haben. Sehr oft wird man damit rechnen müssen, daß Lieder Spuren und Reflexe von christlichen Vorstellungen zeigen. Doch Lieder können sich im Laufe der Zeit auch wandeln und Merkmale verschiedener Zeiten annehmen;in vielen Fällen ist es deshalb gar nicht möglich,das Alter eines Edda-Liedes einigermaßen genau zu bestimmen,vor allem auch,weil sichere Kriterien für eine Datierung weithin fehlen. Deshalb ist es nicht zu verwundern,daß sich die Datierungsvorschläge einzelner Forscher manchmal so stark unterschieden. Während etwa Jan de Vries,Verfasser einer noch heute wertvollen Altnordischen Literaturgeschichte die Lieder >Balders Träume<, >Skirnirlied<, >Thrymslied< und das >Merkgedicht von Rig< in die Zeit zwischen 1150 und 1300 datierte,meinte der Isländer Einar Ólafur Sveinsson fast zur gleichen Zeit (1962),diese Lieder seien alle vor 1000 entstanden,also noch in heidnischer Zeit. Auch in unseren Tagen gehen die Schätzungen über die Entstehungszeit einzelner eddischer Lieder oft weit auseinander.
Am Anfang des Codex Regius wie am Anfang der vorliegenden Sammlung steht >der Seherin Gesicht< (Völospá),ein Lied das in der germanischen Literatur kein Gegenstück hat. Der Text ist einer Seherin in den Mund gelegt,sie sieht tief in die Vergangenheit und weit in die Zukunft und verkündet das Geschick der Welt von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende. In großartigen Bildern werden die wichtigsten Ereignisse beschrieben,oft wird auf sie nur angespielt,der Stoff muß also im allgemeinen als bekannt vorausgesetzt worden sein. Viele Mythen werden ganz kurz genannt:wie Bors Söhne die Welt erschaffen,in dem sie die Erde vom Grunde des Meeres emporheben,wie die Gestirne und die Zeiten geordnet werden. Das Lied beschreibt kurz das anscheinend glückliche Leben der Götter,aber auch den ersten Krieg zwischen Asen und Wanen. Im Mittelpunkt des Liedes steht der Tod des Gottes Balder durch einen auf ihn geschossenen Mistelzweig dem dann der allmähliche Verfall der sittlichen Ordnungen folgt.

> Brüder kämpfen und bringen sich Tod,
Brüdersöhne brechen die Sippe;
arg ist die Welt Ehebruch furchtbar
Schwertzeit,Beilzeit Schilde bersten,
Windzeit,Wolfzeit bis die Welt vergeht.<


Die Feinde der Götter nahen heran,die Riesen,der Fenriswolf,die Midgardschlange,auch Loki,der ausgestoßene Gott. Odin unterliegt dem Fenriswolf und Thor seinem Erzwidersacher der Midgardschlange,aber er tötet sie auch selbst. Mit wenigen eindrucksvollen Versen wird der Untergang der Welt geschildert.


Die Sonne verlischt, das Land sinkt ins Meer,
vom Himmel stürzen die heitern Sterne.
Lohe umtost den Lebensnährer;
hohe Hitze sreigt himmelan.


Und dann steigt zum zweiten Mal die Erde aus dem Meer empor,eine neue goldene Zeit bricht an:


>unbesät werden Äcker tragen
böses wird besser, Balder kehrt heim.<


Bei kaum einem anderen Eddalied kann man so viele Fragen stellen wie bei der Völospá; kommen hier nur heidnische Vorstellungen zum Ausdruck? oder ist das Wiedererstehen der Welt nach ihrem Untergang christlich zu erklären,ist der goldbedeckte Saal Gimle ein Abbild des himmlischen Jerusalem? Vieles spricht dafür,daß das große Visionsgedicht zu Ende des 10. Jahrhunderts geschaffen wurde,wohl in heidnischer Umgebung aber vielleicht bereits als Reaktion auf die christliche Meinung,die Welt werde im Jahre 1000 zu Ende des tausenjährigen Reiches nach der Offenbarung des Johannes,untergehen. Da läßt es sich nicht einfach sagen,ein solches Lied sei christlich oder heidnisch,es spiegelte vielmehr die historische Situation in faszinierender Weise wider.
Genzmers Interesse richtete sich aber eher-es wurde oben schon gesagt-auf das Lied als Kunstwerk,als literararisches Gebilde,Verse,Strophen oder Strophenteile,die offensichtlich mangelhaft oder gestört überliefert sind,läßt Genzmer gelegentlich aus. Um ein Beispiel zu nennen: Aus S.36f wird in Str. 25 und 26 vom Tode Balders berichtet,die Str. 26 (der Übersetzung) setzt sich aber aus zwei Teilen zusammen,der ersten Hälfte der Str.32 (des Originals) und der zweiten Hälfte der Strophe 33. Dazwischen liegen vier Kurzzeilen,die den Fluß des Textes stören. Aber in ihnen wird berichtet,daß Balders Bruder,ein Sohn Odins,erst eine Nacht alt,den toten Bruder rächte: >Er wusch nicht die Hände und kämmte nicht das Haar,bis er Balders Widersacher auf den Scheiterhaufen brachte<. Dieser Rache-Mythos ist auch durch andere Quellen bezeugt,es muß sich also sicher um eine alte Vorstellung handeln.
Es gibt nur wenige Edda-Lieder,die einer Interpretation nicht erhebliche Schwierigkeiten bereiten. Als Beispiel seien >Lokis Zankreden< (Lokasenna) genannt. Loki schmäht bei einem Gastmahl alle Anwesenden mit immer neuen Vorwürfen,den Göttinnen freilich wirft er stereotyp immer das gleiche vor,sie seien mannstoll. Erst als Thor dazukommt,zieht Loki ab:
Kann ein solches Lied,in dem alle Götter und Göttinen in zuweilen außerordentlich grober Weise geschmäht werden,denn überhaupt in der Zeit des Heidentums enstanden sein,als man noch an diese Gottheiten glaubte? Viele halten das für unmöglich und nehmen deshalb an,die Lokasenna sei in christlicher Zeit entstanden und richte sich bewußt gegen die heidnischen Götter. Dies ist aber kaum ein Argument;Götterkomik,oft sehr drastischer Art,ist aus vielen Kulturen bekannt- man denke daran, wie Dionysos in Komödien des Aristophanes geschmäht wird,und daß sogar,obgleich diese Komödien am Festtag des Gottes selber aufgeführt wurden.
Die Spruchdichtung ist im Codex Regius,vor allem durch ein großes Werk vertreten. die Hávamál, >Sprüche des Hohen<. 164 Strophen umfaßt das Gedicht da,und man kann leicht erkennen,daß es offensichtlich aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt ist. Aber was eigentlich alles zusammengehört und nach welchem Prinzip diese einzelnen-ihrerseits teilweise nur locker zusammenhängenden - Teile in ein ganzes gefügt werden,das ist gerade in den letzten Jahrzehntenrecht umstritten. Genzmer hat-darin wohl wieder Heusler folgend-versucht aus den Hávamál die vermeintlich ursprünglichen kleineren Gedichteinheiten herauszulösen,und jetzt findet man sie unter den Titeln >Das alte Sittengedicht<,>Die Lehren an Loddeafnir<,>Priameln<,>Odinsbeispiele<,>Die Runenlehre< sowie >Das dritte Sittengedicht< enthalten auch Strophen aus Sigrdrífomál,dessen Hauptteil sich bei Genzmer unter den Heldengesängen, Nr.40 >Die Erweckung der Walküre< findet.
Auch andere Textkategorien sind unter der Spruchdichtung zusammengefaßt: NR. 28 (>Fluch des Busla<) und 29 (>Die Wölsistrophen<) erwecken den Eindruck alte heidnische Kulturdichtung zu sein,aber ob es wirklich so ist oder ob es sich um später nachempfundene Texte handelt,das mag hier offenbleiben. Dagegen ist der formelhafte Rechtstext Nr.30 der >Urfehdebann< (Tryggdamál gleich interessant als >sämtlicher< Text zum Abschluß einer Friedensvereinbarung wie auch in seiner poetischen Aussage.
Besonders beachten sollte man auch Nr. 24 die >Heidreksrätsel< (Heidreks gátur). In einer späten Vorzeitsaga,der >Geschichte von Herwör und König Heidrek< (Hervarar saga ok Heidreks koonnungs) sind mehrere poetische Texte verschiedener Art und unterschiedlichen Alters bewahrt (hier Nr. 24,NR. 32,Nr. 54/55 und 56). Zu ihnen gehören auch die Heidreksrätsel,die größte altnordische Rätseldichtung. Manche der Rätsel sind seit altersher in vielen Sprachen verbreitet,andere wohl für die Sammlung erst geschaffen worden.









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