4. Felix Genzmer und die eddische Heldendichtung

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4. Felix Genzmer und die eddische Heldendichtung

Beitrag  Magiccircle am Di Jul 12, 2011 11:09 pm

Die Heldenlieder ordnet Genzmer nach ästhetischen Kriterien und-zumindest zu Beginn-nach ihrem mutmaßlichen Alter. Am Anfang stehen damit die Lieder,die besonders archaisch gelten: Nr.31 da >Wölundlied< (Völundarskvida),Nr.32 das >Hunnenschlachtlied< (Hlödsksvida),Nr.33 das >Alte Sigurdlied< (Brot of Sigurdarksvida),Nr.34 das >Alte Hamdirlied< (Hamdismál). Das >Hunnenschlachtlied< ist nur in der schon genannten >Sage von Herwör und König Heidrek< überliefert,die anderen Lieder finden sich alle im Codex Regius. Sie gehören aber verschiedenen Sagenkreisen an.
Das >Wölundlied< enthält eine der altertümlichsten literarischen Versionen der Geschichte vom kunstfertigen Schmied Wölund (Wieland),und einige Namen deuten auf Zusammenhänge mit deutscher Dichtung. Das >Hunnenschlachtlied< hat Auseinandersetzungen zwischen Goten und Hunnen zu einem nicht näher zu fixierendem Zeitpunkt zum Inhalt. Die zwei nächsten Lieder gehören dem Sagenkreis um die Nibelungen und dem Burgundenuntergang an,und das >Hamdirlied< berichtet von dem Ende des ostgotischen Königs Ermanarich-einer der großen,ursprünglich gotischen Sagenkreise,der in der deutschen Überlieferung nur in späten Zeugnissen sichtbar wird.
Im Codex Regius folgt die Anordnung der Heldenlieder dagegen ganz anderen Prinzipien. Dort beginnt der Heldenliedteil mit den drei >Heiligenliedern< (unsere Nr.49,50 und 51),darauf folgen mehrere Lieder über Sigurd (unsere Nr.42,38,39,40 und 33),und im weiteren Umkreis gehören hierher auch die daran anschließenden >Gudrunlieder< und ähnliche Texte (unsere Nr.43,36,47,44,46 und 48. Die zwei nächsten Lieder (unsere Nr.34 und 37) haben den Burgundenuntergang zum Inhalt und am Ende stehen zwei Lieder über den Tod des Ermanarich (Nr.45 und 35).
Zunächst fällt auf,daß im Codex Regius vor allem am Anfang des Heldenliedteils die Lieder nich die Namen tragen,mit denen wir sie meist bezeichnen und wie es bei den Götterliedern der Fall ist; die Lieder Reginsmál,Fafnismál und Sigrdrifomál (in diser Ausgabe Nr.38,39 und 40) sind nicht einmal deutlich voneinander abgehoben,sondern gehen ineinander über. Charakteristisch für die Heldenlieder im Codex Regius ist jedoch,daß sie miteinander genealogisch verbunden sind. Helgi der Hundingstöter ist der Halbbruder von Sigurd,die Sigurddichtungen werden mit den Dichtungen vom Burgundenuntergang durch die Person von Gudrun verbunden; sie,die Witwe Siegfrieds,heiratet Atli den Hunnenkönig,und dies ist auch in der deutschen Nibelungenüberlieferung der Fall. Gudrun bildet auch das Bindeglied zu >Gudruns Sterbelied< (NR.45) und dem >Alten Hamdirlied< (Nr.35),so daß alle genealogisch miteinander verbunden sind. Mehrere der Heldenlieder im Codex Regius,vor allem im Anfang des Heldenliedteils,enthalten viele Prosastellen,manchmal machen sie den Eindruck,als wechselten hier Prosaabschnitte mit Strophen ab. Durch den Versuch alle Heldenlieder im Codex Regius zu verknüpfen,entsteht auf längere Strecken eine fortlaufende Handlung- ganz anders als im Götterliedteil: Während dort die Lieder systematisch geordnet sind,werden die Heldenlieder chronologisch aneinandergereiht,und wenn man den Götterliedteil nach Gustaf Lindblad als "Liedersammlung" bezeichnen kann,so bilden die Heldenlieder einen Liederzyklus,ja vielleicht sogar eine "Familiensaga in Versen".
Diese Struktur der Liedersammlung Edda wurde zu der Zeit,als Genzmer seine Übersetzungen schuf,nicht so deutlich gesehen wie heute. aber diese Weise spiegelt auch die übersetzung von Genzmer ein gutes Stück der Geschichte der Edda-Forschung überhaupt wider. Man muß zugeben,daß die Anordnung der Texte und die Auflösung bestimmter Lieder und vermeintlich ältere Einheiten den Blick auf die Edda als Ganzes erschwerten. Andererseits ist es Genzmers großes Verdienst,ein Textcorpus geschaffen zu haben,in dem fast alles zu finden ist,was man überhaupt unter dem Begriff "eddische Dichtung" zusammenfassen kann.
Vor allem aber ist es seine Sprache,die seine Übersetzung zu einem kaum übertreffbaren Meisterwerk macht. Gegen seine Übersetzung ist zuweilen eingewendet worden,sie sei zu frei und nicht philologisch genau genug. Selbst dieser Einwand trifft nicht zu. Versucht man einmal,einige Edda-Strophen zu übersetzen und dabei den Rhythmus einigermaßen zu bewahren und den Stabreim so zu verwenden,daß er natürlich klingt,und die Wortbedeutungen so genau wie möglich ins Deutsche zu übertragen - dann wird man entweder scheitern oder bei einer Überzeugung landen,die bestenfalls der von Genzmer nahe kommt,ohne sie freilich in der Regel erreichen zu können. Genzmer hat mit seiner Edda-Übersetzung ein Werk geschaffen,das allein durch seine Sprache den Leser,den Liebhaber großer Literatur zu faszinieren vermag,zugleich aber auch dem fachlich interessierten Benutzer eine Fülle von Erkenntnissen und Anregungen gibt.


Kurt Schier

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