Götterdichtung 2:Das Wafthrudnirlied

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Götterdichtung 2:Das Wafthrudnirlied

Beitrag  Magiccircle am Di Jul 26, 2011 9:01 pm

Auch dieses Lied ist eine recht srömende Quelle nordischer Mythenkunde. Ergänzt es so der Seherin Gesicht,so ist doch sein Weltbild ein etwas anderes,mehr volkstümliches: Der Tau träuft hier nicht von der Weltesche,sondern vom Maule eines nächtlichen Himmelsrosses. Die Götter heben die Erde nicht aus der Tiefe empor,sondern schaffen sie,wie auch Meer,Himmel und Wolken, aus dem Leib eines erschlagenen Riesen. Wie der Riesenstamm entstanden ist,wird nach alten Volkssagen genau erzählt. Die Menschen gehen nicht in dem allgemeinen Weltbrand,sondern in einem verheerenden Winter unter,den nur ein Menschenpaar in einem schützenden Baum überdauert,um Stammeltern eines neuen Menschengeschlechts zu werden,eine auch in Deutschland bekannte Sage. Der Wolf stirbt nicht den Schwerttod,sondern der rächende Widar zerreißt ihm,wie nach altem Volksglauben den Rachen.
Das Lied hat die Form der Wissenswette: nicht mit dem Hammer wie Thor,sondern mit der Waffe des Geistes überwindet Odin den Gegner. Als erstes fragt der Riese nach Dingen der mythischen Erd-und Himmelkunde. Dann stellt Odin zwölf Fragen,zuerst aus der Vergangenheit,mit der zehnten Frage gleitet der Blick schon auf die Zukunft hinüber. Daß Njörd gerade als Kultgott so wichtig genommen wird,läßt vermuten, daß das Lied aus der Trontheimer Gegend stammt,wo man diesen Gott besonders verehrte. Nach der in anderm Versmaß geformten Schlußfrage der Zwölferreihe wechselt Odin die Eingangsformel und stellt nun Fragen nach den letzten Dingen. Die letzte Frage geht äußerlich auf Vergangenes,zielt aber wohl darauf hin,daß Odin einen Rächer für Balder zeugt und daß Balder in der neuen Welt wiederkehren wird; sie kann der Riese nicht beantworten,und so ist sein Haupt dem Gott verfallen.
Die Zahlen der Fragen scheinen eine tiefere Bedeutung zu haben,der Gruppe der zwölf Fragen entsprechen die zwölf Gotterwohnungen im Grimnirlied und die zwölf Asen der jüngeren Seherinnenrede. Mit den sechs Fragen der Schlußgruppe erhalten wir achtzehn Fragen Odins gleich den achtzehn Zauberliedern. Zählt man die sechs Fragen des Riesen dazu,so sind es im ganzen vierundzwanzig Fragen;vierundzwanzig aber war die Zahl der älteren Runenreihe,die im Runenzauber besonders gewichtig war.

Genzmer

1 Odin:
>Rate mir nun,Frigg,da zur Fahrt mich´s drängt nach der Wohnung Wafthrudnirs! Nach dem Urzeitwissen des allweisen Riesen nenn ich groß mein Begehr.<

2 Frigg:
>Daheim bleiben sollte Heervater in der Rater Reich,da keinen der Riesen an Kräften gleich ich dem Wafthrudnir weiß.<

3 Odin
>Viel fuhr ich,viel erforschte ich,viel befragte ich Erfahrene; wissen will ich,wie Wafthrudnirs Saalbau wohl sei.<

4 Frigg:
>Heil zieh hin! Heil kehr zurück! Heil wandre den Weg! Dein Geist bewähre sich,wenn du,Göttervater dem Risen Rede stehst!<

5
Auszog Odin des allweisen Riesen Klugheit zu erkunden. Zur Halle kam er und zum Heim des Thursen,rasch trat Odin ein.

6 Odin:
>Heil dir Wafthrudnir! In die Halle komm ich,dich selber zu sehn. Wissen will ich,ob du weise bist und dich allwissend bewährst.<

7 Wafthrudnir:
>Wer ist der Mann,der in meinem Saal sein Wort auf mich wirft? Nimmer kehrst du,bist du der Klügere nicht,aus meiner Halle heim.<

8 Odin:
>Gagnrad heiß ich,gegangen komm ich zur Halle dein. Zutritt,Riese,- bin gezogen weit- und Gastgruß begehre ich.<

9 Wafthrudnir:
>Warum antwortest du vom Eingang her? Komm auf den Sitz im Saal! Dann findet sich´s,ob der Fremdling an Witz übertrifft den Thursengreis.<

10 Odin:
>Der mindre Mann,der zum mächtigen kommt,spreche gut oder gar nicht: Schwatzhaftigkeit,mein ich,schadet dem viel,der zum Kaltherzigen kommt.<

11 Wafthrudnir:
>Sage mir Gagnrad,wenn dein Glück zu erproben auf der Diele du denkst: wie heißt der Hengst,der den hellen Tag über die Volkssöhne fährt?<

12 Odin:
>Skinfaxi heißt er,der den hellen Tag über die Volkssöhne fährt; kein Roß gilt den Reidgoten mehr,seine Mähne glänzt morgenhell.<

13 Wafthrudnir:
>Sage mir Gagnrad,wenn dein Glück zu erproben auf der Diele du denkst: wie heißt das Roß.das den Ratern die Nacht aufzieht von Osten her?<

14 Odin:
>Hrimfaxe heißt es, das den Hehren die Nacht aufzieht von Osten her; jeden Morgen träuft vom Maul ihm Schaum, davon sind die Täler betaut.<

15 Wafthrudnir:
>Sage mir Gagnrad,wenn dein Glück zu erproben auf der Diele du denkst: wie heißt der Fluß,der wider das Volk der Riesen das Götterland begrenzt?<

16. Odin
>Ifing heißt der Fluß,der wider das Volk der Riesen das Götterland begrenzt; offen eilen soll er in Ewigkeit,kein Eis setzt er an.<

17 Wafthrudnir:
>Sage mir Gagnrad,wenn dein Glück zu erproben auf der Diele du denkst: wie heißt das Feld,wo zur Fehde Surt den Göttern begegnen wird?<

18 Odin:
>Wigfrid heißt das Feld,wo zur Fehde Surt den Göttern begegnen wird; hundert Meilen mißt es hin und wieder; dies ist als Stätte bestimmt.<

19 Wafthrudnir:
>Ratklug bist du, Gast! Komm auf des Riesen Bank! Sprich auf dem Sitz im Saal! Laß ums Haupt uns in der Halle wetten. Fremdling auf Vielkunde!<

20 Odin:
>Sage mir zum ersten,wenn deine Einsicht taugt und du,Wafthrudnir,es weißt: woher kam die Erde und oben der Himmel,ratkluger Riese,einst?<

21 Wafthrudnir:
>Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen,aus dem Gebein das Gebirg,der Himmel aus dem Schädel des schneekalten Riesen,die Brandung aus dem Blut.<

22 Odin:
>Sag mir zum andern,wenn deine Ansicht taugt,und du,Wafthrudnir es weißt: woher kam der Tag,der über die Täler geht,und die Nacht mit dem Neumond?<

23 Wafthrudnir:
>Mundilfari heißt er,er soll des Mondes Vater und der Sonne sein; sie ziehen täglich,zum Zeitmaß den Menschen,über den Himmel hin.<

24 Odin:
>sage mir zum dritten,wenn man bedacht dich nennt und du, Wafthrudnir es weißt: woher kam der Tag,der über die Täler geht,und die Nacht mit dem Neumond?<

25 Wafthrudnir:
>Delling heißt er,von diesem stammt der Tag,doch Nör hat die Nacht gezeugt:Vollmond und Neumond,den Völkern zum Zeitmaß,schufen gütige Götter einst.<

26 Odin:
>sage mir zum vierten,wenn man erfahren dich nennt und du,Wafthrudnir es weißt: woher kam der Winter und der warme Sommer einst ins Asenreich?<

27. Wafthrudnir:
>Windswal heißt er,er ist des Winters Vater,doch der Sommer ist Swasuds Sohn. Windswal war; dem Wasud entsprossen,frostig ist all das Volk.<

28. Odin:
>Sage mir zum fünften,wenn man erfahren dich nennt und du, Wafthrudnir es weißt: wer erwuchs in der Vorzeit von Ymirs Stamm und den Asen als ältester?<

29. Wafthrudnir:
>Vor unzähligen Wintern,eh die Erde geschaffen,war geboren Bergelmir;Thrudgelmir war des Thursens Vater,doch Aurgelmir sein Ahn.<

30 Odin:
>Sage mir zum sechsten,wenn man sinnreich dich nennt und du,Wafthrudnir es weißt: woher kam Aurgelmir,der urweise Thurse,einst zu der Riesen Reich?<

31 Wafthrudnir:
>Aus den Eliwagar flogen Eistropfen,aus den Tropfen der Thurse wuchs; unsre Sippen stammen dort alle her,drum ist´s ein schlimm Geschlecht.<

32 Odin:
>Sage mir zum siebenten,wenn man sinnreich dich nennt und du,Wafthrudnir es weißt: wie zeugte Kinder der kühne Riese,da er kein Weib gewann?<

33. Wafthrudnir
>Knabe und Mädchen wuchsen dem kühnen Thursen unterm Arm vereint; der Fuß mit dem Fuß des Vielweisen zeugte den sechshäuptigen Sohn.<

34 Odin:
>Sage mir zum achten,wenn man dich einsichtig nennt und du,Wafthrudnir es weißt: was weißs du als frühestes? was weißt du als fernstes? Allwissend bist du wohl.<

35 Wafthrudnir:
>Vor unzähligen Wintern,eh die Erde geschaffen,war geboren Bergelmir; als frühestes weiß ich,daß dem vielklugen Risen auf den Mahlkasten Männer legten.<

36 Odin:
Sage mir zum neunten,wenn die Vernunft dir taugt und du,Wafthrudnir es weißt: woher kommt der Wind,der über die Woge geht? Niemand sieht ihn selbst.<

37 Wafthrudnir
>Hräswelg heißt er,er sitzt am Himmelrand,der Jöte in Aargestalt; von des Riesen Flügeln über die Völker alle sollen die Winde wehen.<

38 Odin:
>Sage mir zum zehnten,wenn die Zukunft der Götter du,Wafthrudnir,weißt: woher kam Njörd nach Noatun,da er bei den Asen nicht aufwuchs?<

39 Wafthrudnir
>In Wanenheim schufen ihn weise Rater als Geisel fürs Götterreich: beim Weltende wird er wiederkehren zu den weisen Wanen einst.<

40 Odin:
>Sage mir zum elften,wer in Odins Hof kämpft Tag für Tag: sie kiesen die Wal,reiten vom Kampf heim,sitzen beisammen versöhnt.<

41 Wafthrudnir:
>Alle Einherjer in Odins Hof kämpfen Tag für Tag: sie kiesen die Wal,reiten vom Kampfe heim,sitzen beisammen versöhnt.<

42 Odin:
>Sage mir zum zwölften,woher die Zukunft der Götter du,Wafthrudnir,weißt! Der Rater und Riesen Runenkunde weisest du fürwahr,ratkluger Riesengreis!<

43 Wafthrudnir:
>Der Rater und Riesen Runenkunde kann ich weisen fürwahr da ich alle Welten durchwallt; zog zu neun Heimen bis Nifelhel nieder,wo der Gestorbnen Stätte ist.<

44 Odin:
>Viel fuhr ich,viel erforschte ich,viel befragt ich Erfahrene: wer lebt von den Menschen,wenn der mächtige Winter auf Erden enden wird?<

45 Wafthrudnir:
>Lif und Lifthrasir,ihr Leben bergen sie im Holz Hoddmimirs; Morgentau wird ihr Mahl dort sein,sie pflanzen die Völker fort.<

46 Odin:
>Viel fuhr ich,viel erforschte ich,viel befragt ich Erfahrene: wie kommt eine Sonne an den klaren Himmel,wenn diese Fenrir erfaßt?<

47 Wafthrudnir:
Eine Tochter hat die Tagesleuchte,eh sie Fenrir erfaßt; reiten soll sie,wenn die Rater sterben,der Mutter Bahn,die Maid.<

48 Odin:
>Viel fuhr ich,viel erforschte ich,viel befragt ich Erfahrene: wer sind die Mädchen,die übers Meer schweben - voll Weisheit wandern sie?<

49 Wafthrudnir:
>Drei starke Ströme stürzen übern Hof der Mädchen Mögthrasirs: Schutzgeist sind sie dem Geschlecht der Menschen,wohnen in der Riesen Reich.<

50 Odin:
>Viel fuhr ich,viel erforschte ich,viel befragt ich Erfahrene: wer soll herrschen in den Heimen der Asen,wenn Surts Lohe erlosch?<

51 Wafthrudnir:
>Widar und Wali sollen im Weihtum hausen,wenn Surts Lohe erlosch; Modi und Magni sollen Mjöllnir führen nach dem Tode Thors.<

52 Odin:
>Viel fuhr ich,viel erforschte ich,viel befragt ich Erfahrene: wer wird Odin das Ende bringen,wenn die Götter vergehn?<

53 Wafthrudnir:
>Walvater wird der Wolf verschlingen; ihn rächt Widar am Wolf; den grimmen Rachen soll zerreißen er zum Ende dem Ungetüm.<

54 Odin:
>Viel fuhr ich,viel erforschte ich,viel befragt ich Erfahrene: was sagte Odin dem Sohn ins Ohr,eh man auf den Holzstoß ihn hob?<

55 Wafthrudnir:
>Nicht einer weiß,was in alten Tagen deinem Sohn du gesagt! Verfallen dem Tod,erzählte ich Vorzeitkunde und von der Asen Untergang! Mit Odin maß ich mein Allwissen: du bleibst der Wesen Weisester!<


Anmerkung

1. (4-6) Die Riesen ,deren Geschlecht älter ist als das der Götter,haben reiches Wissen über außermenschliche Dinge: Den Göttern stehnsie feindlich gegenüber,daher die Warnung Str. 2 und der Trugname Str. 8. 12 Skinfaxi >der Lichtmähnige<. Reidgoten,eine alte dichterische Bezeichnung der Goten,hir für Helden im allgemeinen (vgl. Nr.33 Str.13 (4). 14. Hrimfaxi >der mit bereifter Mähne<. 17 (5) Der Feuerriese Surt hier als Vertreter der Feinde mit denen die götter am Weltende kämpfen werden,sich Nr.1 Str.44. 18. Wigrid >Kampfsturm< (6) Als Walstatt. 19. (4-6) Jetzt erst,nachdem der Gast seine Probe bestanden hat,setzt der Riese den eigenen Kopf aufs Spiel!
Vgl. Str.7 (4-6). 27. Windswal >der Windkalte<,Swasud >der Traulichkeit schaffende<, Wasud >der Mühsal schaffende<.Z. (4.6) sind aus Snorris prosaischer Edda ersschlossen. 29. 31. Der älteste der Riesen und überhaupt der Lebewesen ist Aurgelmir,der aus dem Eis des >Sturmmeeres< (Eliwagar) entsteht;er muß ein Doppelgänger (oder ein zweiter Name) von Ymir sein. Sein Enkel Bergelmir überlebt die urzeitliche Flut (Str. 35) und wird Stammvater des seitherigen Riesenvolkes. Der Name Aur-,Thrud-,Bergelmir bedeuten >der Flut-,Kraft-,Felsenlärmer<. 30. (6) d.h. in das Reich,das dann er und sein Riesennachwuchs inne hatten. 35. (6) wie es scheint,zur Rettung in der großen Flut. Diesem Erlebnis des Enkels der Urriesen müßte doch das in Str. 31.33. Berichtete vorausliegen! 37. Hräswelg >der Leichenschlinger<. 38. (2) Die Zukunft eigentlich umfassend >die Geschicke< (5) Noatun >Schiffshof<,der Sitz des Wanengottes,der über Seefahrt und Fischfang gebietet. 39- (2) Die >Rater< müssen hier Schicksalsmächte sein,die außerhalb der uns bekannten Asen und Wanen stehn. (3) Nach dem Krieg zwischen Asen und Wanen stellten sie sich gegenseitig Geiseln, vgl. Nr. 1 Str. 15-20. (4-6) Diese auffallende Angabe wird durch keine andern Quellen beleuchtet. 40 (4) d.h. wählen die zu Fällenden aus. 42. (2) sich zu 38 (2-5) Das in Runen niedergelegte Wissen. 44. Zu den Mythen vom Weltende gehörte der >Riesenwinter<,den nur ein Menschenpaar überstehen wird. 45. (1) Die Namen bedeuten >Leben< und >Lebenbegehrende<. (3) Im Walde eines wohlwollenden Naturgeistes,den einige dem Riesen Mimir gleichsetzen. 46. (6) Der Fenriswolf verschluckt die Sonne,vgl. Nr.1 Str.32. 50. Surts Lohe meint den Weltbrand (Nr1 Str.49) oder nach andern die Niederbrennung der Göttergehöfte. 51. (1) Zwei Odinssöhne. (4) Zwei Thorssöhne erben Mjöllnir,den Hammer ihres Vaters. 54. Odins letzte Worte an den toten Balder waren das Unwißbare schlechthin. An derselben Frage erkennt den Gott König Heidrek in Nr.24 Str.36.

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