Götterdichtung 3. Das Grimnirlied

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Götterdichtung 3. Das Grimnirlied

Beitrag  Magiccircle am So Aug 07, 2011 9:55 pm

Bei diesem Liede,das wir zu den großen Merkgedichten zählen,kommt die Belehrung aus Odins Munde; was sie umfaßt hat,ist schwer zu sagen,denn von den 54 Strophen ist vieles Zutat. Es ist kein streng einheitlicher Lehrstoff,nur zur Hälfte zieht er auf den Sprechenden,Odin. Die Merkdichtung ist eben Selbstzweck,und der Gedanke der allmählichen Enthüllung des Gastes beherrscht die Auswahl nicht. Gleichwohl haben viele der Strophen eine Feierlichkeit,die mehr nach Orakel oder Denkstein klingt als nach gereimter Schulregel. Anfang und Schluß,nebst einer Beigabe in Prosa,gestalten eine Rahmengeschichte. Es ist eine der Fabeln,die den auf Erden wandernden Odin als Erprober und Verdeber irdischer Könige zeigen (vgl. Nr. 24).
Heusler

Odin wollte den König Geirröd,seinen Schützling,prüfen,ob er gastfrei sei gegen Fremde. Er kam unerkannt,in dunkelblauem Mantel,an Geirröds Hof und nannte sich Grimnir,auf weitre Fragen antwortete er nicht. Der verblendete König hielt den Mann für einen bösen Zauberer,denn kein Hund wagte sich an ihn: Er wollte ihn zwingen,ihm Rede zu stehn,und ließ ihn zwischen zwei Feuer setzen im Mittelraum der Halle. So saß Grimnir acht Tage und Nächte,und nur Agnar,der zehnjährige Sohn des Königs,bot ihm Speis und Trank und sagte zu seinem Vater,er handle schlecht,daß er den Mann schuldlos peinige. Am neunten Tage sprach Grimnir:

1
Heiß bist du,Feuer,und viel zu hoch; weich,Flamme,fort! Es glimmt mein Pelz,heb ich gleich ihn hoch: es brennt der Mantel mir.

2
Acht Nächte saß ich nah den Feuern, da mir niemand Nahrung bot,als einzig Agnar,der Erbe Geirröds,der das Heervolk beherrschen soll.

3
Heil wird dir,Agnar,da Heil dir beut des Heldenvolks Herr: bessern Lohn eines Bechers sollst du nehmen nimmermehr

4
Das Land ist heilig,das ich liegen seh den Asen und Alben nah;doch in Thrudheim wird Thor weilen,bis die Götter vergehn.

5
Eibental heißt es,wo Ull seinen Saal sich hingesetzt hat; Albenheim gaben die Asen Freyr vor Zeiten als Zahngeschenk.

6
Dieser Hof ist der dritte,wo holde Götter mit Silber den Saal deckten: Walaskjalf heißt er,ihn wirkte sich der Ase in Urtagen

7
Kleinodbank heißt der vierte,doch kühle Wellen rauschen über ihm. Odin und Sàga trinken dort alle Tage glücklich aus Goldbechern.

8
Frohheim ist der fünfte,wo die funkelnd goldene Walhall weit sich dehnt: Odin aber kiest alle Tage kampftote Krieger dort.

9
Kunst ist allen,die zu Odin kommen,den Saalbau zu sehen: Schilde sind die Schindeln,Schäfte sind die Sparren,es decken Brünnen die Bank

10
Kund ist er allen,die zu Odin kommen,den Saalbau zu sehen: ein Wolf hängt westlich vom Tor,ein Aar schwebt über ihm.

11
Thrymheim heißt der sechste,wo Thjazi wohnte,der furchtbare Frostriese; nun haust Skadi,die herrliche Götterbraut,in dem alten Ahnenhof.

12
Breitglanz heißt der siebente,dort hat Balder sich die Halle hingebaut; auf jener Flur,der Freveltat nimmer nahen mag.

13
Himmelsburg heißt der achte,wo Heimdall lange des Weihtums walten soll;im behaglichen Haus trinkt herrlichen Met dort gerne der Götterwart.

14
Folkwang heißt der neunte,doch Freyja waltet dort der Sitze im Saal; Tag für Tag kiest sie der Toten Hälfte,doch die andre fällt Odin zu.

15
Glastheim heißt der zehnte,von Gold sind die Pforten und von Silber das Saaldach; doch Forseti wohnt dort viele Tage und stillt allen Streit.

16
Noatun heißt der elfte,doch Njörd hat dort sich die Halle hingesetzt,der Fürst der Menschen,des Frevels bar,er waltet hohes Heiligtums

17
Gesträuch wächst und starkes Gras auf Widars Waldgebiet; auf Rosses Rücken,zu Rächen den Vater,verheißt dort der Heldensohn.

18
Rußgesicht läßt den Rußschwarz sieden im Kessel Kohlenruß,das beste Fleisch,doch nicht viel wissen,was sie essen,die Einherjer.

19
Geri und Freki atzt der vielberühmte,der Kampfstolze Kriegergott,doch von Wein nur lebt der waffenstrahlende Odin immerdar.

20
Hugin und Munin fliegen manchen Tag den Erdengrund ab; für Hugin fürcht,daß er heim nicht kehre,doch sorg ich zum Munin noch mehr.

21
Es rauscht der Thund,des Riesenwolfs Fisch schwimmt froh in der Flut; zu scharf scheint der Schar der Waltoten zu durchstapfen die Strömung.

22
Walgitter heißt es,das vor geweihtem Tor heilig sich erhebt; alt ist das Gitter,es ahnen nicht viele,wie es der Schlüssel verschließt.

23
Fünfhundert Vorräume und vierzig dazu kenn ich in Bilskirnirs Bau,von diesen Häusern,die unter Dach ich weiß,hat mein Mage das mächtigste.

24
Fünfhundert Tore und vierzig dazu kenn ich in Walhall wohl; achthundert Einherjer gehn auf einmal aus jedem,wenn´s mit Fenrir zu fechten gibt.

25
Heidrun heißt die Geiß,die auf der Halle steht und von Lärads Laube frißt; mit klarem Met soll sie die Kannen füllen,nie vertrocknet der Trank.

26
Eichdorn heißt der Hirsch,der auf der Halle steht und von Lärads Laube frißt; von seinem Geweih träuft es ins Wallebecken,davon kommen die Quellen all.

27.
Körmt und Örmt und die Kerlauge zwei durchwatet täglich Thor,wenn er auszieht,Urteil zu fällen,zur Esche Yggdrasil; denn die Brücke der Asen brennt in Flammen und heiß sind die Himmelswasser.

28
Gelber und Muntrer,Glanz und Hufschnell,Sehnig und Silberstirn; Gleißner und Fahlhuf,Goldstirn und Leichtfuß; auf diesen reiten die Rater alle Tage,wenn sie zu urteilen ziehn zur Esche Yggdrasil.

29
Drei Wurzeln gehn nach drei Seiten von der Esche Yggdrasil; Hel wohnt unter einer,unter der andern die Reifthursen,unter der dritten der Degen Volk.

30.
Nagezahn heißt das Eichhorn,das immer rennt auf der Esche Yggdrasil: von oben her soll es der Adlers Worte zu Nidhögg niedertragen.

31
Hirsche gibt es vier,die mit erhobnem Kopf die Knospen kahlfressen: Dain und Dwalin,Duneyr und Dyrathror.

32
Mehr Würmer liegen an den Wurzeln Yggdrasils,als ein Unweiser ahnt: Goin und Moin,Grafwitnirs Söhne,Grabak und Grafwöllud,Ofnir und Swafnir sollen immerdar zerfressen die Faserwurzeln.

33
Die Esche Yggdrasil muß Unbill leiden mehr als man meint: der Hirsch äst den Wipfel,die Wurzeln nagt Nidhögg,an den Flanken Fäulnis frißt.

34
Hrist und Mist sollen das Horn mir bringen,Skeggjöld und Sköggul,Hild und Thrud,Hlökk und Heerfessel,Göll und Geirahöd,Randgrid und Radgrid und Reginleif,die bringen den Einherjern Äl.

35
Arwakr und Alswinn,von der Erde hinauf sollen sie die Sonne ziehn; unter der Hengst Bug bargen holde Rater,die Asen,Erzkühle.

36
Sänftiger heißt er,der Sonne Schild,der vor der Strahlenden steht; Berge und Brandung,müßten verbrennen ganz,wenn er von ihr fällt.

37
Trug heißt der Wolf,der bis zu des Waldes Schutz die funkelnde verfolgt; der andre,Hasser,der Erbe Fenrirs,läuft vor der heitern Himmelsbraut.

38
Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen,aus dem Blut das Brandungsmeer das Gebirg aus den Knochen,die Bäume aus dem Haar,aus der Hirnschale der Himmel.

39
Aus des Riesen Wimpern schufen Rater hold Midgard den Menschensöhnen; aus des Riesen Gehirn sind die rauhgesinnten Wolken alle gewirkt.

40
Der hat Ulls Huld und aller Götter,der zuvorderst zum Feuer greift; denn offen sind die Heime,hebt man ab die Kessel,allen Asensöhnen.

41
Iwaldis Söhne gingen in Urtagen zu schaffen Skidbladnir,das beste Schiff,dem schimmernden Freyr,Njörds gesegnetem Sohn.

42
Die Esche Yggdrasil ist der erste der Bäume,doch Skidbladnir der Schiffe,der Rater Odin,der Rosse Sleipnir,der Brücken Bilfröst,doch Bragi der Skalden,der Habichte Habrok,doch der Hunde Garm.

43
Vor der Sieggötter Söhne tat ich Gesicht nun kund; das weckt heilsame Huld: allen Asen soll es eingehen auf Ägirs Bank,bei Ägirs Trank.

44
Grim hieß ich,Gangmatt hieß ich,Herrscher und Helmträger,Walvater,Allvater,Wunschherr und Graubart,Har und Heerblender.

45
Trunken bist du,Geirröd,zu gierig trankst du,verstört ist den Verstand,manches verlorst du,da du meiner Gunst und Gefolgerschaft ferne bleibst.

46
Ich wies dir vieles,doch wenig verstandest du; dich läßt fallen dein Freund; liegen seh ich,besudelt mit Blut,meines Schützlings Schwert.

47
Schwermüde Beute soll der Schlachtgott haben: dein Leben verlierst du nun; unhold sind dir die Disen,jetzt kannst du Odin sehn: nun komm wenn du kannst.

48
Odin heiß ich jetzt,hieß einstmals Schrecker,hieß vor Zeiten der Zürnende; Einschläfrer,Feßler: mich dünkt,daß alles dies einzig mich nur meint.

König Geirröd hatte dagesessen,das Schwert,halbgezückt,über den Knien: Als er aber hörte,daß es Odin war,sprang er auf und wollte ihn vom Feuer wegnehmen: Da glitt ihm das Schwert aus der Hand,der Knauf nach unten: der König stolperte und stürzte darein,das Schwert ging durch ihn durch: das war sein Tod. Jetzt verschwand Odin: Aber Agnar wurde König im Lande und herrschte lange.

Anmerkung:
In der Handschrift ist die einleitende Prosa stark erweitert durch märchenhafte Züge; doch nimmt das Gedicht selbst darauf keine Rücksicht.
4 >"Heilig", hier,überhaupt in der Edda,in dem vorchristlichen Sinne unverletzlich und unterm Schutze stehend<. (4) Thrudheim, "Kraftheim".
5 (1) Eibental: aus Eiben macht man die Bogen und Ull war ein großer Bogenschütze. 6 (1) "Der dritte" entweder steht das Albenheim. 5 (4-6) noch außerhalb der Zählung,oder das Eibental 5 (1-3) wird nich mitgerechnet. "Der Ase" kurzweg 6 (6) meint gewöhnlich Thor. Freilich sieht der Name Walaskjalf 6 (4) nach einer Nebenform von Walhall aus,so daß vielleicht mit Strophe 6 die drei Wohnungen Odins beginnen. 8 (4-6) d.h. Odin bestimmt,wer im Kampfe fallen und nach Walhall kommen soll. 11 Thrymheim, "Lärmheim"-das Gehöft der Riesen gehört zu den Götterwohnungen,seit die Tochter,die mit Njörd vermählte Skadi,es innehat. 14 Folkwang. "Flur der Heerschar". 16 Noatun "Schiffszaun". 18 (1-3) kehren zu der Str.8 erwähnten Walhall zurück. 18 (1-3) Koch,Eber und Kessel haben diese anklingenden Namen bekommen. 21 (2) Die Midgardschlange? 24 Den letzten Kampf mit dem Fenrirwolf und seinen Genossen kämpfen die Einherjer,die Walhallkrieger mit. 34 Walkürennamen. 34 (9) Äl hier für Met. 37 Vor und hinter der Sonne laufen zwei bedrängende Wölfe: das mythische Abbild der Nebensonnen.

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