Götterdichtung 8: Das Skirnirlied

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Götterdichtung 8: Das Skirnirlied

Beitrag  Magiccircle am Mi Okt 05, 2011 6:58 pm

Hinter dieser göttlichen Werbungsgeschichte sieht man alte Wachstumsbräuche durchschimmern. Die reine Redeform ist hier mit hoher Kunst verwendet: man beachte,wie die Ausfahrt Skirnirs durch seine an das Roß gerichteten Worte und wie sein Kampf mit dem Wächter durch die besagten Äußerungen Gerds dargestellt werden. Vom Wort und Runenzauber geben uns die Drohreden Skirnirs eine gute Vorstellung

Genzmer

Freyr,der Sohn Njörds und Skadis,hatte sich einmal auf Hlidskjalf,den Sitz Odins gesetzt,von wo man über alle Welten sehen konnte. Da sah er in Riesenheim eine schöne Maid gehen,davon ergriff ihn tiefer Schwermut. Njörd und Skadi sprachen zu Skirnir, dem Freund ihres Sohnes:

1.
Steh auf,Skirnir! Eilend zur Zwiesprach besuch unsern Sohn,das zu erkunden,warum der kluge so ganz verzehrt ist vom Zorn!

2 Skirnir:
Üble Antwort wird mir der Edle geben,komm ich mit Fragen zu Freyr,das zu erkunden,warum der Kluge so ganz verzehrt ist vom Zorn.

Skirnir trat zu Freyr in die Halle:

3.
antworte Freyr,Asgards Heerwalt,was ich wissen will: warum sitzest du im Saal,mein König,einsam immerdar?

4 Freyr:
Wie sagt ich dir,Gesell du junger,meinen großen Gram? Der Albenstrahl leuchtet alle Tage,doch nicht der Minne mein.

5 Skirnir:
Deine Minne wird so mächtig nicht sein,daß du sie nicht künden kannst; in unsrer Jugend waren wir oft zusammen: uns ziemt Verschlossenheit schlecht.

6 Freyr.
Gehen sah ich in Gymirs Hof,die ich minne,die Maid: die Arme glänzten,von ihnen strahlten die Luft und das Land.

7.
Die Maid ist mir lieber,als ein Mädchen noch je einem Jüngling war; von Asen und Alben nicht einer uns gönnt,zusammen zu sein.

8 Skirnir:
Gib mir das Roß,zu durchreiten die düstre verwunschne Waberlohe,die klinge auch,die kämpft von selbst wider der Riesen Reihn!

9 Freyr:
Ich geb dir das Roß,zu durchreiten die düstre,verwunschne Waberlohe,die Klinge auch,die kämpft von selbst,gewann sie ein Wissender.

Skinir sattelte das Roß; er sprach zu ihm:

10
Finster ist´s draußen: zur Fahrt nenn ich´s Zeit über feuchtes Felsgebirg,über der Riesen Reich, uns beiden gelingt´s,oder uns beide packt Gymir,der grimmstarke.

11-
Sage,Hüter,der auf dem Hügel sitzt und alle Wege bewacht,wie der jungen Maid trotz der Meute Gymirs Botschaft ich bringen kann!

12 Der Wächter:
Bis zum Tod du bestimmt? Oder starbst du schon,der im Sattel hier sitzt? Nie sollst du der glänzenden Gymirstochter bringen die Botschaft dein.

13 Skirnir:
Besseres kennt als bloßes Klagen,wen zum Ziel es zieht: auf einen Tag ist mein Alter bestimmt und meines Lebens Lauf.

14 Gerd:
Welch ein tosend Getöse muß ich tosen hören vor dem Hause hier? Der Boden zittert; es bebt davon der ganze Gymirshof.

15 Die Dienerin:
Hier steht ein Mann,gestiegen vom Pferd,und läßt grasen das Grauroß: ein Schwert hat er,ein schmales,schmuckes; für beherzt halt ich ihn.

16 Gerd:
Heiß ihn eintreten in unsern Saal und trinken trefflichen Trank! Doch bebe ich,daß meines Buders Töter vor der Halle hier hält.

Da trat Skirnir ein.

17 Gerd:
Bist du einer der Alben oder der Asensöhne oder der weisen Wanen? Warum rittst du allein durchs rasende Feuer,unsern Saal zu sehn?

18 Skirnir:
Bin keiner der Alben noch der Asensöhne noch der weisen Wanen; dennoch ritt ich allein durchs rasende Feuer,euern Saal zu sehn.

19
Der Äpfel elf hab ich hier,eitel golden,die will ich dir geben,Gerd,Frieden zu kaufen,daß du Freyr nennst im Leben den liebsten dir.

20 Gerd:
Die elf Äpfel werd ich annehmen nie einem Werber zu Wunsch, bei Njörds Sohne werd ich nimmer hausen,so lange mein Leben währt.

21 Skirnir:
Ich biete den Ring dir,der verbrannt einst ward mit dem jungen Odinssohn: ebenschwere acht träufen ab davon jede neunte Nacht.

22 Gerd:
Nicht brauch ich den Ring,ob auch verbrannt er ward mit dem jungen Odinssohn! Nicht fehlt mir Gold in Gymirs Hof,da mit Schätzen ich schalten kann.

23 Skirnir:
Schaust du dieses Schwert,das schmale,schmucke,das ich hier halt in der Hand? Das Haupt hau ich dir vom Hals ab,wenn du dich versöhnt nicht sagst.

24 Gerd:
Zwang zu dulden geziemt mir nimmer einem Werber zu Wunsch; doch glaube ich,wenn dich Gymir findet,kühner Krieger,daß es zum Kampf euch treibt.

25 Skirnir:
Schaust du dieses Schwert,das schmale,schmucke,das ich hier halt in der Hand? Durch seine Schneide soll sinken der Riese,wird dein Vater gefällt.

26.
Mit dem Zauberreis schlag ich dich; zähmen werd ich dich nach meinem Willen,Weib. Doch sollst du sein,wo den Söhnen der Menschen stets verborgen du bleibst.

27.
Auf Adlers Hügel sollst fotan du sitzen,schauen aus der Welt,schielen nach der Hel; zum Ekel sei dir Speise,mehr als es Erdensöhnen die schillernde Schlange ist!

28.
Zum Scheusal werde,schleichst du hinaus! Anstier Hrimnir dich; anstarre jeder dich! werd weiter bekannt als der Wächter der Götter! Aus dem Gitter gaffe du!

29.
Wahnsinn und Neid,Wirrns und Not mehre Träne und Trübsal dir! Setze dich nieder,da ich dir sagen will hartes Herzeleid und zwiefachen Zwang!

30
Tag für Tag sollen dich Trolle quälen in der Riesen Reich. Tag für Tag sollst du zur Thursenhalle verhungert hinschleichen,verhungert hinkriechen; mir Leid statt Lust sollst du belohnt werden,verzweifelt in Zähnen gehen.

31.
Bei dreihäuptigen Thursen sollst du dauernd hausen oder missen den Mann. begierde ergreife dich,Sehnsucht versenge dich! Der Distel sei gleich,die zerdrückt wurde am Ende der Erntezeit!

32.
Ich ging zum Wald und zum grünen Baum,zu finden den Zauberzweig. ich fand den Zauberzweig.

33.
Grimm ist dir Odin,grimm dir der Asenfürst,zum Feind wird dir Freyr: ruchlose Maid,die du bereitet hast dir der Himmlischen Haß.

34.
Höret Riesen,höret Reifthursen,öhne Suttungs,Sippen der Asen,wie ich verbiete,wie ich verbanne Mannesliee der Maid,Mannesgenuß der Maid!

35.
Hrimgimnir heißt der Thurse,der dich haben soll an des Totenreichs Tor; auf Waldwurzeln werden dort Trolle dir geben Geißenharn; edlerer Trank sei dir immer versagt trotz deines Willens,Weib,nach meinem Willen,Weib!

36.
Einen Thursen ritz ich und der Runen drei: Argheit und Unrast und Irresein; so ritz ich´s ab,wie ich´s ritzte ein,wenn es dessen bedarf.

37 Gerd:
Heil sei dir nun,Jüngling! Hebe den Eiskelch,mit Firnmet gefüllt! Nichts hätt ich geahnt,daß ich einmal sollte einem Wane gewogen sein.

38 Skirnir:
Vollen Bescheid auf die Frage begehr ich,eh von hinnen ich heimreite,wann zum Stelldichein du dich Njörds starkem sohne gesellen willst,

39 Gerd:
Barri heißt er,den wir beide kennen,der Hag der Heimlichkeit: nach neun Nächten wird dort Njörds Sohne Gunst schenken Gerd.

Skirnir ritt heim; Freyr stand draußen und fragte:

40.
sag mir,Skirnir,eh du den Sattel abnimmst und setzest vorwärts den Fuß: was gewannst du meinem Wunsch und deinem in der Riesen Reich?

41 Skirnir:
Barri heißt er,den wir beide kennen,der Hag der Heimlichkeit: nach neun Nächten wird dort Njörds Sohne Gunst schenken Gerd.

42 Freyr:
Lang ist die Nacht; lang sind zwei; wie erdulde ich drei? Minder meint ich den Monat oft lang als des Harrens Halbnacht.

Anmerkungen

Die Prosastückchen hat der Aufzeichner belastet mit Angaben,die schon in den Strophen untergebracht sind oder fremde Züge herzubringen. Sie passen sich hier mehr dem Gang des Gedichts an.

4 Albenstrahl. Umschreibung für Sonne. 6 Gymir ist ein Riese. 11 Statt dieser >Meute Gymirs<, die im folgenden nicht mehr spielt,erwartet man den Hinweis auf die Waberlohe als das gefährliche Hindernis. Nach Str. 13 scheint etwas zu fehlen; Gerds Worte 16 (4-6) deuten wohl darauf,daß der Wächter,Gerds Bruder,gefällt werden mußte,eh man den Flammenwall durchsprengen konnte; auch 19 (4) 23 (6) und vor allen Dingen 8 (4-6), 9 (4-6) erhalten dann besseren Sinn. Vielleicht spiegelte sich der Waffengang der beiden in zwei Redestrophen nach 13,vielleicht genügte eine schlichte Prosabemerkung. 21 den Goldring Draupnir,der sich so wunderbar vermehrte,hatte Odin dem toten Balder auf den Holzstoß mitgegeben. Balder sandte ihn aus dem Totenreich zurück. 24 (6,7) Über das gewöhnliche sechsversige strophenmaß schreitet unser Gedicht mannigfach hinaus. 27 (1) >adlers Erdhöcker< (so der Urtext) ist eine skaldische Kenning für Felsspitze.
28 Hrimnir ist ein Frostthurse. 29 (4-7) Diese Verse bezeichnen einen Einschnitt und heben das folgende als Steigerung heraus. 32 Damit beginnt der Runenzauber,der Höhepunkt der Bedrohung. (3) Den Zauberzweig,auf den man die wirksamen Runen ritzen will,holt man von einem saftigen Baume,der eine bestimmte Beschaffenheit hat. 33 Der Asenfürst ist Thor. 36 (1-4) Diese vier Zauberrunen verkörpern,die im Vorangehenden gesprochene Verfluchung; Wort und Zeichen stützen sich gegenseitig. (5-7) Durch das Abritzen der Runen hört ihre Zauberwirkung auf. 37 Eiskelch: man vermutet in diesem Wort eine mißverstehende Widergabe des fremden >Kristalkelches<.

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