Götterdichtung: 10 Das Harbardlied

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Götterdichtung: 10 Das Harbardlied

Beitrag  Magiccircle am Di Nov 15, 2011 8:36 pm

Ein zweiter Versuch,ein irdisches Scheltgespräch in göttlichem Gewande nachzubilden. Es ist nicht schlechter geglückt als der erste,und daß er so grundverschieden geraten konnte,zeugt für den Formenreichtum der altnordischen Dichtung.
Hier stehn sich nicht nur zwei gegenüber,und ihr Zank nimmt mit Str.15 die Wendung zu einer eigenen Art des Wortgefechts dem Männervergleich. Einen Männervergleich unter Sagenkriegern zeigt uns Nr.57; unser göttermythisches Stück hat den großen Vorzug,daß in Thor und Odin zwei von Kopf zu Fuß ungleiche Gestalten gegenpber stehn: der derbe bäurische Riesentotschläger und der weltläufige boshafte Kriegsmann und Weiberheld. Der Gedanke,daß diese beiden Hauptgötter sich ihre Taten vorrechnen war fruchtbar.
Nur mußte sich der Dichter die Fessel anlegen und auf die kenntlichen Odinstaten verzichten; denn fiel Odins Maske,so war es mit der Zwiesprache aus. Damit ist gegeben,daß der Verfasser nicht etwa den Wert der beiden Gottheiten abschätzen,keinen Streit zwischen Thors-Odinsglauben austragen will: dem Isländer nachheidnischer Zeit leben die zwei Götter als Sagenwesen,und er dichtet so unerzieherisch wie der vorige.
Seine Spottlaune ist von anderer Art: nicht leidenschaftlich und grell,sondern schelmisch,ein lächelnder Humor,ahnlich dem des ersten und dritten Odinsbeispiels (Nr.22). Er hat Auge für das Werktägliche: Stellen wie Str.3(6) überraschen in der Edda! Und damit hängt zusammen,was unser Geicht auf den ersten Blick von allen anderen unterscheidet: die beispiellose Freiheit der Form. es wechseln bunt die beiden Versmaße mit Zeilen,die ganz oder halb in Prosa hinübergleiten.

Heusler

Thor kehrte aus dem Ostland zurück und kam an einen Sund. Drüben stand der Fährmann mit dem Boot,Thor rief hinüber

1.
Welch ein Gesell ist der Gesell,der jenseits der Sunde steht?

2 Harbard:
Welch ein Mann ist der Mann der übern Meeresarm ruft?

3 Thor:
Fahr mich übern Sund! Ich füttre dich heut morgen: einen Korb hab ich aufm Buckel, bessres Essen gibt's nicht, Ich aß in Ruhe,eh ich aufbracht daheim,Hering und Haferbrei,das hält nun noch vor.

4 Harbard:
Als Morgentat rühmst du der Mahlzeit dich; nicht weißt du,was dich erwartet: traurig ist's bei dir daheim; tot,mein ich,ist deine Mutter.

5 Thor:
Das sagst du jetzt,was jeder wohl eine schlimme Meldung dünkt,daß meine Mutter tot sei.

6 Harbard:
Nicht scheint mir's,als hättest du drei schöne Höfe: barbeinig stehst du und hast Bettlerkleidung: nicht mal hast du deine Büchsen an!

7 Thor:
Lenk den Einbaum her! Den Landeplatz zeig ich dir. Doch wem gehört das Schiff,das du hütest am Land?

8 Harbard:
Hildolf heißt er,der mich's hüten läßt,der ratschnelle Recke im Ratseilandsunde; Räuber und Roßdiebe zu rudern verbot er mir. Ehrliche nur,und die ich genau kenne. Sag mir deinen Namen,willst du übern Sund fahren!

9 Thor:
Meinen Namen sollst du erfahren,wenn ich auch friedlos bin,und meine Abkunft auch: ich bin Odins Sohn,Meilis Bruder und Magnis Vater. Der Rater Kraftherrscher: Du redest hier mit Thor! Das will ich nun fragen,wie du heißest?

10 Harbard:
Harbard heiß ich,nicht hehl ich meinen Namen.

11 Thor:
Warum solltest du ihn hehlen,hast keine Fehde du?

12 Harbard:
Und wenn ich auch Fehde hätte: vor solchen,wie du einer bist,da wollt ich mein Leben wohl wahren,wäre mir nicht Tod bestimmt.

13 Thor:
Ein mißlich Ding dünkt mich das,durchs Wasser zu dir zu waten und meinen Korb zu durchweichen. Du sollst mir büßen, Bürschlein du,dein freches Maulwerk,wenn ich übern Sund komme.

14 Harbard
Hier will ich stehen und dich hier erwarten; du trafst noch keinen zäheren seit dem Tode Hrungnirs.

15 Thor:
Davon fängst du nun an, daß ich focht mit Hrungnir,dem keckdreisten Riesen,der einen Kopf aus Stein hatte; dennoch musst er stürzen und in den Staub sinken. Was tatst du derweil,Harbard?

16 Harbard:
Bei Fjölwar war ich volle fünf Winter auf jenem Eiland, das Allgrün heißt; heißt kämpfen konnten wir dort und Krieger fällen,an manches uns wagen,Mädchen erproben.

17 Thor:
Wie fleckte euch's mit euren Weibern?

18 Harbard:
Herzige weiber hatten wir,wären sie unshandzahm geworden; tüchtige weiber hatten wir,wären sie uns treu geblieben. Sie wollten aus Sand Seile drehen und aus tiefem Tal den Grund graben. Ich war ihnen allen an Witz doch über: ich schlief bei den sieben Schwestern und genoß alle Liebe und Lust. Was tatst du derweil,Thor?

19 Thor:
Ich erschlug Thjazi,den trutzgewaltigen Riesen,warf empor die Augen von Alwaldis Sohn an den heitern Himmel. Das ist das mächtigste Mal meiner Taten,das jedermann seitdem sieht. Was tatst du derweil,Harbard?

20 Harbard:
Zauber übt ich,wider Zaunreiterinnen,da ich sie lockte von ihren Liebsten. Ein beherzter Riese dünkte mich Hlebard zu sein: er gab mir den Zauberzweig,und ich nahm ihm die Vernunft.

21 Thor:
Übles Sinnes lohntest du da gute Gaben!

22 Harbard:
Die Eiche gewinnt,was der andern man nimmt; jeder sorgt für sich selbst. Was tatst du derweil,Thor?

23 Thor:
Ich war im Osten und schlug Jötenvolk tot,böse Weiber,die zum Gebirge schritten: überstark würden die Riesen,wenn sie alle lebten; ausgetilgt würden die Menschen in Midgards Reich. Was tatst du derweil, Harbard?

24 Harbard:
In Walland war ich und wanderte zu Schlachten,schuf Fürsten Fehde,doch Frieden nie. Das Knechtvolk hat Thor,doch die Könige hat Odin,die da fallen im Feld.

25 Thor:
Ungleich verteilen würdest du unter den Asen das Volk,hättest du die meiste Macht.

26 Harbard:
Thor hat Kraft genug,doch keinen Mut: vor Schrecken und Herzensangst wurdest du in den Handschuh gestopft,und nicht trautest du dich Thor zu sein; da wagtest du nicht einmal vor lauter Angst zu niesen und zu furzen,daß es Fjalar vernahm.

27 Thor:
Harbard,du Schuft! Ich wollte zur Hel dich schmettern,könnt ich langen übern Sund.

28 Harbard:
Warum solltest du übern Sund langen,wo wir doch gar keine Fehde führen? Was tatst du derweil, Thor?

29 Thor:
Im Osten war ich,das Ufer schirmte ich,als mich Swarangs Söhne bestürmten. Mit Steinen warfen sie mich; des Straußes wurden sie doch nicht froh; sie mußtem mich bald bitten um Frieden: Was tatst du derweil,Harbard?

30 Harbard:
Im Osten war ich,mit einer plaudert ich,bestürmte die Strahlende,und zum Stelldichein zog ich,letzte die Linnenweiße,die der Lust sich freute.

31 Thor:
Gute Weiberbekanntschaften hattest du damals dort.

32 Harbard:
Deinen Beistand hätt ich brauchen können,Thor,um sie zu halten,die linnenweiße Maid.

33 Thor:
Ich stünde dir gerne bei,wär ich zur Stelle gewesen.

34 Harbard:
Iich traute dir gerne, wenn du mir die Treue nicht brächest.

35 Thor:
Ich bin nicht solch Fersenbeißer wie im Frühjahr ein alter Schuh.

36 Harbard:
Was tatst du derweil,Thor?

37 Thor:
Berserkerweiber bracht ich auf Hlesey um: sie hatten's gar toll getrieben,getötet alles Volk.

38 Harbard:
Lästerliches begingst du da,loszuschlagen auf Weiber!

39 Thor:
Wölfinnen waren das,doch Weiber schwerlich: sie zerstörten mein Schiff,das ich gestützt hatte; sie vertrieben den Thjalfi und trotzten mir mit Eisenstangen. Was tatst du derweil,Harbard?

40 Harbard:
Ich war bei dem Heer,das hierher rückte mit ragendem Banner,zu töten den Ger.

41 Thor:
Davon fängst du nun an,daß du kamst,uns Böses anzutun!

42 Harbard:
Ich biete dir einen Ring als Buße dafür,wie es die Schiedsrichter schätzen,die uns schlichten wollten.

43 Thor:
Woher hast du die höhnischen Worte,wie ich sie höhnischer nie vernommen habe?

44 Harbard:
Ich hab sie von den Männern,den altersgrauen.die in der Heimat Hainen wohnen.

45 Thor:
Da gibst du einen guten Namen den Gräbern,wenn du sie der Heimat Haine nennst.

46 Harbard:
So denke ich darüber.

47 Thor:
Dein Schandmal wird dir noch schlecht bekommen,wate ich durchs Wasser erst: heller als ein Wolf,sag ich,wirst heulen du,spürst du des Hammers Hieb!

48 Harbard:
Einen Buhlen hat Sif daheim,den wirst du sehen wollen; das ist dir dringlicher,mach dich nur da ans Werk!

49 Thor:
Du schwatzst was dir in den Mund kommt,was mich das Schlimmste dünken muß,feiger Geselle! Ich sage: du lügst!

50 Harbard:
Ich sage: die Wahrheit spreche ich; du weilst zu lang auf der Fahrt. Weit wärst du schon gekommen,Thor,wandeltest du die Gestalt.

51 Thor:
Harbard,du Schuft! Du hieltest mich zu lange schon auf.

52 Harbard:
Nicht hätte ich geahnt,daß Asathors Fahrt ein Hirte hindern könnte.

53 Thor:
Den Rat will ich dir geben: rudre das Boot her! Laß uns enden den Zank! Setz über Magnis Vater!

54 Harbard:
Pack dich fort vom Sund! Die Fahrt gibts für Dich nicht.

55 Thor:
So weise mir den Weg,wenn du mich nicht übers Wasser setzen willst!

56 Harbard:
Leicht ist die Weigerung; lang ist der Weg: eine Stunde zum Stock,eine zweite zum Stein; nimm zur Linken den Weg,bis du nach Werland kommst! Treffen wird Fjörgyn dort Thor,ihren Sohn,und sie wird ihm den Heimweg zeigen.

57 Thor:
Werd ich heute noch hinkommen?

58 Harbard:
Kommen mit Arbeit und Mühe beim Aufgang der Sonne,so etwa dacht ich.

59 Thor:
Unser Gespräch mag nun enden,da du mit Spott nur erwiderst; vergelten will ich dir die Weigerung,begegnen wir uns ein andermal.

60 Harbard:
Zieh nur hin,wo dich die Unholde holen!

Anmerkungen:
2. Harbard,Graubart,Deckname Odins. 8. (1-4) Der Name hier und in Str. 16,20 können wir auf keine Sagen zurückleiten; sie werden Einfälle unsrer Dichter sein. 14. Die erschlagung des Riesen Hrungnir war eine Haupttat Thors. 18. (5-Cool Sviel wie: Unmögliches anfangen (nämlich um Odin zu widerstehn. 20. (2) Hexen,hier noch als Riesinnen (Naturdämonen) gedacht. 24. Walland kann Welschland und Schlachttotenland bedeuten. (5) Daß Thor gleichsam eine Knechte-Walhall besitze,ist ein Scherz unseres späten Dichters,er läßt auch seinen Thor selbst widersprechen (25). Im Heidentum haben alle,bis zum König hinauf,den Thor verehrt und geliebt. Wohl war Thor ein "Bauerngott",aber die Nordländer waren eben ein Bauernvolk! 30. (2-3) Der Dichter gebraucht hier,geistreich spielend,Ausdrücke,die auf Liebschaft gehen,die aber andere hochkriegerische Wendungen durchschimmern lassen. Man "zieht" zur Schlacht und "letzt" Raben. 37. (1) Berserkerweiber kann hier nur Riesinnen meinen; ein junger Sprachgebrauch! (2) Die Insel Läsö im Kattegat. 40-46. Hier häufen sich die uns dunkel bleibenden Anspielungen. Auch in den übrigen Teilen mag manche Spitze,mancher Doppelsinn stecken,die bei dem Zeitgenossen ein verständnisvolles Lächeln weckte. 45. Von Odin sagt man,daß er gerne Tote auferweckte; vgl. Nr. 4 und Nr. 26 Str. 12. 50. Thor muß sich vorwerfen lassen,daß er keinen Zauber,keinen Gestaltwechsel,übt. Wer nämlich in eine fremde Haut fuhr,der kam im Nu an die fernsten Orte. Odin selbst war Meister in dieser Kunst. 56. (6) Werland "Mannland" = Menschenland,so daß wir uns noch tief im Riesenland befinden.

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Re: Götterdichtung: 10 Das Harbardlied

Beitrag  Farri Thorson am Sa März 10, 2012 11:26 pm

Dieses Lied ist meine Lieblingsstellen in der Edda. So wie Odin seinen eigenen Sohn dort auf die Schippe nimmt ist zum schmunzeln. Und Thor steigt auf die Provokationen auch noch so toll ein. Ich finde es einfach toll. Eine schöne Erzählung für kalte Abende am Herdfeuer.
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