Die Kelten aus der Sicht der Forscher

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Die Kelten aus der Sicht der Forscher

Beitrag  Magiccircle am Di Apr 17, 2012 10:05 pm

Die Kelten sind das älteste namentlich bekannte Volk nördlich der Alpen. Sie siedelten im Atlantik bis zum Schwarzen Meer, von den Pyrenäen bis in die Deutschen Mittelgebirge, sie gründeten Paris, eroberten Rom, zerstörten London. Doch wer sie wirklich waren, wird wohl niemand mehr herausfinden können, denn ihre Geschichte und Rituale haben sie mündlich weitergegeben. Wissenschaftler vermögen nur noch ihre Spuren zu erforschen. Ihre wichtigste Erkenntnis: "Die" Kelten hat es wohl nie gegeben - sondern eine Vielzahl von Stämmen, die vereint waren in eine gemeinsame Kultur.

Wer waren die Kelten?
Die Antwort ist wie ein gewaltiges Gemälde, aus tausend Stücken zusammengesetzt. Die meisten Stücke sind mit der Zeit verloren gegangen, nur ein paar Dutzend Fragmente noch erhalten. Trotz aller Lücken arbeiten Forscher seit Jahrzehnten daran, dieses Bild zusammenzufügen. Archäologen sind darunter, aber auch Historiker, Sprachwissenschaftler und Anthropologen.
Bis heute wissen sie nicht, ob es sich bei den Kelten überhaupt um ein bestimmtes Volk handelte oder um viele Völker, eine Ansammlung von Stämmen, eine Sprachgemeinschaft, eine Kultur - oder nichts von alledem.
Denn die Historiker können nur jene Schriften interpretieren, die Römer und Griechen über die Kelten hinterlassen haben. Keltische Literatur oder Geschichtsschreibung ist nicht erhalten, wahrscheinlich hat es sie nie gegeben.
Die Sprachwissenschaftler forschen nach einem gemeinsamen Ursprung der wenigen erhaltenen Inschriften und Ortsnamen, um herauszufinden, welchen Ursprung die keltischen Dialekte hatten - und wo sie gesprochen wurden.
Die Archäologen versuchen, aus Funden wie Schwertern, Gewandtspangen oder Tongefäßen Rückschlüsse zu ziehen auf Schlachten, Handelswege oder Handwerkstechniken. Unter allen Forschern haben sie die meisten Quellen. Doch ihnen bleibt nur das Aufgefundene zu vergleichen und zu beschreiben, etwa einen goldenen Halsring in einem Grab; nicht sicher deuten aber können sie die Absicht, mit der der Ring in das Grab gelegt wurde.
Es geht den Archäologen so wie den Anthropologen, die zwar über chemische Ablagerungen in Knochen und Zähnen zu bestimmen vermögen, wer am Fundort eines bestimmten Skeletts aufgewachsen oder nur zugezogen ist, über die Gründe für die Wanderung aber auch nur spekulieren können.
Und abgesehen von allen Unterschieden der Methodik ergibt die Summe aller Erkenntnise kein einheitliches Bild. So fanden Archäologen in Ligurien, an der Nordwestküste Italiens, Gräber mit keltischen Eisenschwertern - doch haben keltische Stämme nach historischen Quellen nie einen Fuß dorthin gesetzt.
Sprachwissenschaftler untersuchen das Irische, eine keltische Sprache - Archäologen, Historiker und Anthropologen aber finden keine Beweise für eine grössere Einwanderung von Kelten auf Britische Inseln.
Und obwohl viele Forscher ab 800 v. Chr. eine keltische Kultur in Zentraleuropa umreißen können, kannte sie damals wohl niemand. Noch um 700 v. Chr. benennt der griechische Dichter Hesiod dort nur die "Hybeerboreer", das unbekannte Volk "jenseits des Nordwinds".
Weshalb sollte das Bild der Kelten auch einheitlich sein, wenn zwei die gleiche Sprache sprechen, müssen sie noch nicht miteinander verwandt sein. Wer mit ähnlichen Schwertern kämpft, muss sich nicht als Teil einer Gemeinschaft begreifen. Und was die einen als Kelten bezeichnen, müssen nicht alle als Kelten bezeichnen.
Identität entsteht eben aus vielen Kriterien. Die wichtigsten sind vielleicht diese fünf: Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmung, Sprache, Kultur und Verwandtschaft.
Was heißt das für die Kelten?

I. Selbstwahrnehmung:
Identität entsteht durch das Bild, das man vor sich selbst hat.
Von den Kelten ist keine Inschrift oder Überlieferung erhalten, die etwa heißt: >Ich bin Diviciacus, ein Kelte vom Stamm der Haeduer.< Und selbst wenn es sie gäbe, würde sie nicht ausreichen. Es müßten hunderte Inschriften sein, aus verschiedenen Zeiten und Orten, um ein klares Bild abzugeben.
Nur ein Zitat dazu ist überliefert, von Gaius Julius Caesar aus seinem Werk über den Gallischen Krieg, in dem er über die meisten Bewohner Galliens schreibt, dass sie sich in ihrer Sprache "Celtae" nennen, zu Deutsch: Kelten.
Nach dieser Definition ihrer Selbstwahrnehmung wären Kelten nur die Bewohner Zentralfrankreichs um etwa 60 v. Chr. Von ihren keltischen Nachbarn im heutigen Süddeutschland oder Böhmen ist nicht bekannt, wie sie sich nannten, obwohl sie eine ähnliche Kultur und Sprache hatten wie die Gallier.
Vielleicht nannten auch sie sich "Celtae", doch eine Quelle gibt es dafür nicht.

II. Fremdwahrnehmung:
Identität entsteht durch Konfrontation mit anderen.
Für griechische und römische Schreiber waren die Kelten Barbaren - im Gegensatz zu ihnen. Als >kriegerisch< und >versoffen< etwa beschrieb der Grieche Platon die Kelten um 350 v. Chr. Und nach der Einschätzung des Philosophen Aristoteles waren sie zwar furchtlos, aber unfähig zur staatlichen Ordnung.
Seit dem 6. Jahrh. v. Chr. verwendeten Griechen und später Römer in Beschreibungen die Begriffe "Keltoi", "Keltai" oder "Celtae". Vermutlich hörten sie von den Kelten erstmals durch die Bewohner der griechischen Kolonie Massalia, des heutigen Marseille.
Definiert man die Kelten nach sieser Wahrnehmung durch andere, waren sie ein Volk, das spätestens ab 600 v. Chr. die Mitte Europas besiedelte, nördlich und westlich der Alpen, vor allem im heutigen Frankreich, in Süddeutschland, der Schweiz und Österreich.

III. Sprache:
Identität entsteht durch ein gemeinsames Idiom.
Das Keltische zählte wie das Griechische zu den indoeuropäischen Sprachen. Seit Mitte des 2. Jahrtausend v. Chr. verbreitete es sich wahrscheinlich als eine Art Handelssprache von den Alpen bis nach Spanien, Frankreich und auf die Britische Inseln.
Das jedenfalls meinen Linguisten rekonstruieren zu können: aus dem Vergleich mit anderen indoeuropäischen Sprachen, sowie aus keltischen Grabinschriften, Ortsnamen, Kalenderfragmenten oder Münzlegenden. Mit der Ausdehnung des Römischen Reiches und den Volkswanderungen gingen die meisten keltischen Dialekte unter. Nur einige überlebten in den Randgebieten am Atlantik, bis heute: etwa das Irische, Schottische und Walisische.
Doch kann man alle Menschen, die Keltisch sprachen, Kelten nennen?
Die Linguisten sagen: ja. Die Archäologen sagen: nein. Denn, so ihre Argumentation, zwar nutzen auch die Bewohner der britischen Inseln dieses Idiom, doch unterschied sich ihre Kultur zu sehr von der keltischen auf dem Festland.

IV. Kultur:
Identität entsteht durch gemeinsame Traditionen.
Archäologen können die Riten und Gebräuche eines Volkes nur anhand der Funde rekonstruieren, die jetzt noch zu machen sind, Schwerter aus Metall bleiben über Jahrtausende erhalten, das Holz zum Häuserbau nur selten - und mündlich weitergegebene Kulturformeln für die Opfer an einen Gott gar nicht.
Archäologen setzen die Zeit der Kelten mit der Eisenzeit gleich, nach dem wichtigen Material. Diese Epoche beginnt um 800 v. Chr. und endet um die Zeitenwende. Ihre größte Ausdehnung hat die Kultur der Kelten um etwa 250 v. Chr.: Damals reichte sie vom Schwarzen Meer bis zum Atlantik, von Oberitalien bis zu den Mittelgebirgen. Und zu ihrer Blütezeit, um etwa 1000 v. Chr., stehen die Kelten an der Schwelle zur Hochkultur. Sie haben eigene Städte, prägen Münzen, entwickeln Kalender, Gewichts- und Maßsysteme und verfassen Briefe in griechischer oder lateinischer Sprache.
Die Megalithen von Stonehenge dagegen sind mehr als 1000 Jahre älter als die Kelten. Auch die Keltenkreuze sind nicht keltisch, sondern ein Zeichen einer christlichen Kultur, die erst im 6. Jahrhundert aufkommt.

V. Verwandtschaft:
Identität entsteht durch eine gemeinsame Herkunft.
Eine genetische Gemeinsamkeit lässt sich für die Kelten nicht feststellen. Die Forscher sind sich vielmehr einig, daß es wohl nie eine Art Ur-Clan von Kelten , oder ein Kelten-Gen gegeben hat. Stattdessen waren es wahrscheinlich viele genetisch unterschiedliche Menschen, die ihre Lebensweise durch Sprache und Handel anglichen.
Dennoch müssen für die Kelten Verwandtschaftsbeziehungen, etwa durch Vermählung in andere Stämme wichtig gewesen sein. Mit Glück lässt sich bei einzelnen Gräbern und Siedlungsfunden auch noch feststellen, wer miteinander verwandt war, oder wer dort geboren ist. In größerem Maß geht das aber nicht - zu gering sind die Funde und zu komplex die Einwanderungsbewegungen aus dem Nahen Osten, Afrika, dem Mittelmeerraum und Osteuropa. und gerade die Menschen, die sich selbst als Kelten bezeichnet haben sollen, die keltischen Gallier zu Caesars Zeiten, verbrannten ihre Toten, so daß Forscher auf keinen Knochen für heutige Analysen zurückgreifen können.
Nimmt man alle fünf Kriterien zusammen, entsteht dennoch ein mögliches Bild der Kelten - so wie bei fünf Farbschablonen, die man übereinanderlegt. Dort, wo sie sich überschneiden, wird das Bild dunkler. Dort, wo nur eine zu sehen ist, ist es am hellsten.
In Gallien, zu Caesars Zeiten, ist das Bild am dunkelsten, da dort die meisten Definitionen zusammenkommen. Dort lebten in jenen Jahren Menschen, die sich wohl selbst als Kelten bezeichneten, auch von anderen so genannt wurden, die keltische Dialekte sprachen und eine eigene Kultur pflegten.
Heller wird das Bild in den angrenzenden Gebieten und Zeiten - dort, wo Archäologen eine keltische Kultur verorten, aber niemand wiß, wie sich die Menschen selbst bezeichnet haben, etwa in Süddeutschland. Und am hellsten ist es dort, wo vor allem die Sprache von den Kelten kündet: auf den Britischen Inseln. Ausgerechnet dort also, wo sich noch heute viele Bewohner als Nachfahren der Kelten begreifen.
Das Bild der Kelten ist demnach das Bild eines Volkes mit vielen Schattierungen. Eines Volkes, das mehr als ein halbes Jahrtausend lang die Geschichte Mitteleuropas bestimmte - bevor es in der römischen Kultur aufging

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