Die Kelten

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Die Kelten

Beitrag  Magiccircle am Mi Jun 08, 2011 11:45 pm


(griechisch Keltoi, lateinisch Celtae), Sammelname für keltische Sprachen sprechende Völkergruppen in Europa. Früheste schriftliche Nachrichten griechischer Autoren (aus dem 6./5.Jahrhundert v.Chr.) geben Hinweise auf Siedlungsgebiete in West- und Mitteleuropa. Aus archäologischer Sicht dürfte sich die Stammesbildung der Kelten zur Zeit der spätbronzezeitlichen Urnenfelderkultur vollzogen haben. Als keltisch geprägt werden die späte Hallstatt- und die La-Tène-Kultur angesehen, aber auch außerhalb dieser Kulturen gab es keltische Volksgruppen. Als Kernraum der frühen Kelten gilt das südwestliche Mitteleuropa, wo sie spätestens seit dem 7./6.Jahrhundert v.Chr. nachweisbar sind. Von dort breiteten sie sich über Frankreich auf die Britischen Inseln und auf die Iberische Halbinsel (Keltiberer) aus. Um 400 fielen sie in Oberitalien ein, stießen mehrfach nach Mittelitalien vor (Schlacht an der Allia und Besetzung Roms mit Ausnahme des Kapitols 387/386 v.Chr.) und konnten von den Römern, von denen sie Gallier genannt wurden, erst im 3./2.Jahrhundert v.Chr. endgültig besiegt werden. Im 4.Jahrhundert v.Chr. drangen Kelten ins Gebiet des heutigen Siebenbürgen und nach Dalmatien ein; 280/279 stießen sie nach Makedonien und Griechenland vor und plünderten 279 Delphi. 278/277 überquerte eine Gruppe keltischer Stämme von den Griechen als Galater bezeichnet den Bosporus und siedelte in Zentralanatolien (Galatien). Staaten- oder Stammesbünde wurden nicht gebildet; eine Ausnahme bildete das von etwa 277 bis 221 blühende Keltenreich von Tylis (heute Tilios) in Thrakien. Der Rückgang der keltischen Macht begann im südlichen Mitteleuropa und im transalpinen Gallien. Im Norden wurden die Kelten seit dem 2.Jahrhundert v.Chr. von der Wanderungsbewegung der Germanen bedrängt; im Westen und Süden bedeuteten die Eroberung Galliens durch Caesar (5851) und die römische Unterwerfung Noricums, Vindeliziens und Pannoniens das Ende der letzten Keltenherrschaften auf dem Festland. Unter dem Druck römischer, später angelsächsischer Eroberungen in Britannien wanderten im 5. und 6.Jahrhundert n.Chr. trotz der Romanisierung noch Keltisch sprechende Volksgruppen aus Wales und Cornwall in die heutige Bretagne ein. Gleichzeitig gingen vom keltischen Irland Eroberungen in Wales und Schottland aus.

Im Lande der Druiden

Die Kelten hätten wohl über die beiden Comic-Helden Asterix und Obelix gelacht, sich in ihnen aber kaum wieder erkannt. Denn alles, was wir über die Kelten aufgrund schriftlicher und archäologischer Überlieferung wissen, widerspricht der Vorstellung, dass sie Barbaren inmitten der römischen Zivilisation gewesen sind. So hat auch die Gestalt des Zauberers Miraculix wenig mit dem gemeinsam, was über die Druiden berichtet wird. Womit wir gleich mitten in dem besonders schwierigen Bereich keltischer Religionsausübung und dem Titel dieses Beitrages sind.


Annäherung an eine längst vergangene Zeit

Es ist eine der besonderen Aufgaben der Archäologen, Zugang zum religiösen Empfinden antiker Naturvölker zu gewinnen, wie auch die Kelten eines waren. Über die Religion dieses alteuropäischen, indogermanischen Volkes gibt es wirklich konkrete Aussagen erst seit der spätkeltischen Zeit, also dem 1.Jahrhundert v.Chr., während die ältesten allgemeinen Nachrichten über die Kelten aus dem 6./5. Jahrhundert v.Chr. stammen (von Hekataios von Milet, überliefert nur durch Hinweise späterer Autoren, und von Herodot). Die meist bruchstückhaften und selten auf eigener Anschauung fußenden frühesten Schilderungen zum religiösen Leben der Kelten stammen von griechischen Historikern und Gelehrten wie Polybios (um 200120 v.Chr.), Poseidonios (13551/50 v.Chr.), Diodor (1.Hälfte des 1.Jahrhunderts v.Chr.) oder Strabon (64/63 v.Chr. bis 23 n.Chr.). Zweifellos genauere Angaben vermögen aber Römer wie Caesar (10044 v.Chr.), Lukan (3965 n.Chr.) und auch Ammianus Marcellinus (330395) zu geben, da sie aus eigener Anschauung berichteten oder ältere griechische Quellen auswerten konnten.

Als Gaius Iulius Caesar von 58 bis 51 v.Chr. Gallien unterwarf, erlebte er keltische Religion unmittelbar. Als Hauptgötter nennt er Teutates, Esus und Taranis, vergleichbar den eigenen Göttern Merkur, Mars und Jupiter. Als Mittler zwischen den Gottheiten und Menschen fungierten als erstes die Barden, die keltische Volkshelden besangen. Es gab auch Wahrsager, und es gab vor allem die unter einem Erzdruiden zusammengeschlossenen Druiden. Sie gehörten in die Spitze der mehr oder weniger männerorientierten Gesellschaftshierarchie der Kelten.

Ein keltischer Stamm wurde von einem Häuptling oder gar König angeführt, der dem Kriegeradel entstammte. Dieser Elite waren auch die Druiden zuzuzählen. Zur breiten Mittelschicht rechneten Waffen tragende »freie« Handwerker, Bauern und Händler, denen abhängige Unfreie wie Kleinbauern und Knechte unterstanden. Sie trugen die Hauptlast der landwirtschaftlichen Produktion und Versorgung. Das starre Gesellschaftssystem erlaubte übrigens keinem seiner Mitglieder einen Aufstieg in die jeweils höhere soziale Klasse, wenn man den Überlieferungen des 1.Jahrhunderts v.Chr. glauben kann.

Aber kehren wir nochmals zu den Druiden zurück. Sie waren Meister der Erzählkunst und der Poesie, zahlten keine »Steuern« und leisteten keinen Kriegsdienst. Hochgebildet, beschäftigten sie sich nicht nur mit der ausschließlich mündlichen Überlieferung der heiligen Verse, sondern betrieben auch Mathematik, Sternenkunde und Zukunftsdeutung. Sie allein regelten die religiösen Zeremonien und leiteten Opferhandlungen. Bis heute ist das Bild des Mistelzweige schneidenden Druiden lebendig, wie ihn Plinius der Ältere in seiner »Naturgeschichte« geschildert hat. In der religiösen Vorstellung der Kelten lebte die mehrjährige, immergrüne Mistel auf einem Baum wie der Geist im Körper und vertrat einen Gott oder seine pflanzliche Verwandlung. Die Kelten waren davon überzeugt, dass die Mistel Krankheiten heilen und Unfruchtbarkeit bei Mensch und Tier beheben konnte. Aufgrund ihrer parasitischen Lebensweise schien sie mit der realen Welt nichts gemein zu haben, sondern eher mit der Welt des Übersinnlichen in Verbindung zu stehen. Der Druide schnitt mit goldener Sichel nur von Eichen Mistelzweige ab, ließ sie in einem weißen Tuch auffangen und opferte danach als Abschluss einer solchen kultischen Handlung zwei weiße Stiere.

Mittler zwischen Himmel und Erde: Der heilige Baum

Dieser Baumkult bezog sich also auf einen Teil des göttlichen Waltens, das die Kelten auch in Quellen, heiligen Hainen oder im Rauschen der Bäume suchten. Der heilige Baum war für die Kelten ein Mittler zwischen Himmel und Erde, er vermochte sie mit ihren Göttern zu verbinden. »Kultbäume« sind uns etwa in Gestalt einer Goldblecharbeit aus dem spätkeltischen Oppidum einer befestigten Großsiedlung von Manching bei Ingolstadt bekannt oder finden sich auf einem Silberkessel von Gundestrup (Dänemark). Hier opfert ein Druide einen Menschen kopfüber in einem bereitstehenden Kessel, während Krieger einen »Kultbaum« mit der Wurzel voran herbeitragen. Diese Szene auf dem Silberkessel ist im Gegensatz zu anderen eindeutig verstehbar.

Menschenopfer und Kopfkult spielten eine wesentliche Rolle in der religiösen, darin durchaus zeitgemäß verhafteten Vorstellungswelt der Kelten, wie Funde und Darstellungen vielfach belegen. Danach übertrug der erbeutete menschliche Kopf seine kostbare Kraft und seine individuellen Fähigkeiten auf den Sieger: Die Kelten glaubten, dass der Kopf Sitz des Übersinnlichen sei, denn sie sahen das Denken als göttliche Eingebung an. Für den Besitzer bot der erbeutete Kopf überdies Schutz und galt als Unheil abwehrend.

Zeugnisse kultischer Rituale und Praktiken sind zudem bis heute die in Gestalt von »Viereckschanzen« erhaltenen Geländedenkmäler aus dem linksrheinischen Gallien und aus Süddeutschland mit ihren bis 32m tiefen Opferschächten, ebenso Brandopferplätze, Felsschächte, Quellen und Gewässer. Unter diesen Gewässerplätzen hat der Fundort La Tène am Ausfluss des Neuenburger Sees (Schweiz), der der ganzen keltischen Zeit ihren Namen verliehen hat, bei Grabungen allein 2500 Fundstücke zutage gefördert! Es handelt sich um 166 Schwerter, 269 Lanzenspitzen, 27 Holzschilde und fast 400 Gewandspangen (Fibeln). Außerdem wurden hier auch Münzen, Erntegeräte, Wagenteile und Holzgefäße wohl als Beutegut zusammen mit geopferten Menschen einer Wassergottheit dargebracht.

Wir haben uns damit einer längst vergangenen Zeit angenähert, deren Menschen ihr diesseitiges Leben sicher wesentlich vom Kultisch-Magischen, vom Religiösen bestimmt und durchdrungen angesehen haben.


Der Fürst von Hochdorf und die Dame von Vix  Zeugen der Hallstattzeit

Was berichten uns die schriftlichen Zeugnisse, was sagen uns die archäologischen Quellen darüber hinaus über die Kelten?

Die Griechen nannten dieses große Volk keltoi oder galatai, Kelten oder Galater, die Römer galli, also Gallier, oder celtae. Die Namen bedeuten in übertragenem Sinn so viel wie »die Tapferen«, »die Erhabenen«. Wie sich die Kelten selber nannten und ob sie überhaupt einen Gesamtnamen für sich hatten, wissen wir nicht. Heute bezeichnet man als Galater nur noch die Kelten Kleinasiens, als Gallier die Kelten in »Gallien«, dem Siedlungsgebiet der keltischen Stämme in Oberitalien, Frankreich und Belgien.

Als die griechischen Phokäer um 600 v.Chr. an der Stelle der heutigen südfranzösischen Stadt Marseille die Siedlung Massalia gründeten, um von diesem Stützpunkt aus die westliche Mittelmeerküste zu kolonisieren, trafen sie im Hinterland auf einen geschlossenen, in dynamischer Entwicklung befindlichen Kulturraum. Von Burgund bis Österreich herrschte die Hallstattkultur. Sie ist nach einem im oberösterreichischen Salzkammergut gelegenen Fundort benannt. Adlige oder fürstliche Persönlichkeiten sind die Träger dieser Kultur. Sie ließen sich aufwendig in großen Erdgrabhügeln beisetzen und lebten in befestigten Höhensiedlungen. Diese Hallstattkultur, vor allem ihre Spätphase im 6.Jahrhundert v.Chr., wird nach allgemeiner Auffassung heute als frühkeltisch angesehen, da sie schon viele kulturelle Merkmale der folgenden keltischen La-Tène-Zeit aufwies oder vorwegnahm. Da sie bruchlos aus der spätbronzezeitlichen Urnenfelderkultur erwuchs, könnten früheste keltische Wurzeln gar bis in die Zeit um 1000 v.Chr. zurückreichen.

Um 500 v.Chr. berichtete erstmals der ionische Geograph Hekataios von Milet von diesen frühen Kelten als den »Nachbarn von Massalia«. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot präzisierte die Ortsangabe 50 Jahre später und nannte vor allem den Oberlauf der Donau als keltisches Siedlungsgebiet. Damit war der keltische Kernraum bezeichnet, der dann im 4. und 3.Jahrhundert v.Chr. durch Wanderungs- und Eroberungszüge erheblich nach Nordosten, Westen, Süden und Südosten ausgedehnt wurde.

Die als Territorialherren herrschenden frühkeltischen Repräsentanten der Hallstattkultur bildeten jedenfalls im 6.Jahrhundert v.Chr. Machtzentren aus, die sich vor allem im süddeutsch-nordschweizerisch-ostfranzösischen Raum nachweisen lassen. An Siedlungsplätzen wie der Heuneburg in Baden-Württemberg oder dem Mont Lassois in Burgund zeigen Funde von Importware, dass es schon in dieser Zeit Handelsbeziehungen zum Mittelmeerraum gab. Das Handelsgut gelangte über die Alpen und entlang der Rhône und Saône zu den keltischen Zentren. Hierzu zählten exotische Erzeugnisse wie importierte griechische Tongefäße. Zugleich kamen mittelmeerische Lebensart und mittelmeerisches Ideengut sowie auch technische Neuerungen nach Norden. Unter diesen ist die schnell rotierende Töpferscheibe besonders erwähnenswert.

Auf der hoch über dem Nordufer der Donau bei Hundersingen der Ort gehört heute zur Gemeinde Hebertingen im Kreis Sigmaringen gelegenen Heuneburg existierte für kurze Zeit sogar eine 600m lange Lehmziegelmauer, die nach griechischem Vorbild erbaut war. Ihr war aus klimatischen Gründen nordwärts der Alpen keine lange Lebensdauer beschieden. Von der Innenbebauung der Burg kennt man Siedlungsreste gleich ausgerichteter Häuser im Südosten der Anlage. Im Umkreis von 5km können der Burg elf Großgrabhügel zugeordnet werden. In einem Hügel, dem Hohmichele, befand sich das reich ausgestattete Doppelgrab eines Mannes und einer Frau, wohl Angehörigen der späthallstattischen Gründerdynastie. Zu den Beigaben gehörten ein vierrädriger Wagen und bronzenes Trinkgeschirr.

Ein sensationeller Fund

Dieses Grab wird von der im Jahr 1977 entdeckten unversehrten Bestattung von Hochdorf (Gemeinde Eberdingen) nordwestlich von Stuttgart noch weit übertroffen. Die späthallstattzeitliche Bestattung gehört in die Zeit zwischen 530 und 520 v.Chr. Einen auffallend großen Mann hatte man hier auf einem fahrbaren bronzenen Ruhebett, einer Kline, aufgebahrt. Er war mit goldenem Hals- und Armband, mit goldenen Fibeln und mit goldverziertem Gürtel, Dolch und Schuhwerk ausgestattet. Man hatte ihm überdies Köcher und Pfeile, Angelhaken und einen Birkenrindenhut als persönliche Besitztümer mitgegeben. Ein kunstvoll mit Eisen verkleideter Wagen, auf dem Bronzeteller und Bronzebecken lagen, stand neben der Kline. An der hölzernen Grabwand, am Kopf des Toten, hingen neun Trinkhörner, davon ein goldverziertes aus Eisen von 123 cm Länge und 5,5l Fassungsvermögen! Das Trinkservice wird durch einen sicherlich aus Griechenland stammenden Bronzekessel ergänzt, der sich mitsamt einer Goldschale zu Füßen des Toten befand und 500l fasste. Er enthielt Reste von Honigmet, dem etwa 150 kg Blütenhonig zugesetzt worden waren.

Die Ausstattung des Hochdorfer Grabes zeigt alle Aspekte auf, die sich mit der adligen Welt der hallstattzeitlichen Kelten verbinden lassen. Als Prestigegut galten zweifellos der meist vierrädrige Wagen, aufwendiges Trinkgeschirr und das Tragen von Goldgegenständen. Die Kontakte zum mittelmeerischen Süden erlaubten es auch, ab 500 v.Chr. Wein zu importieren.

Ein exzellentes Beispiel dafür stellt das um 500 v.Chr. errichtete Grab für eine etwa 35-jährige Frau dar, das 1953 im Bereich der burgundischen Gemeinde Vix entdeckt wurde. Die Fundstelle liegt am Fuß der Höhenburg Mont Lassois, 6km nordwestlich von Châtillon-sur-Seine im Département Côte-d'Or, Frankreich. Mit dem gleichen Beigabenensemble wie in Hochdorf ausgestattet, sind neben einem eleganten vierrädrigen Wagen vor allem ein großes Gefäß ein Krater aus Bronze, griechische Trinkgefäße, eine Schnabelkanne sowie ein Goldhalsring zu nennen.

Der riesige, wohl aus einer großgriechischen Werkstatt stammende Bronzekrater von 1,64m Höhe und 208kg Gewicht ist mit 1100l Fassungsvermögen das größte erhaltene antike Metallgefäß! Der aus 21 Teilen zusammengesetzte, 480g schwere Goldhalsring ist ein technisches, unter mittelmeerischem Einfluss entstandenes Meisterwerk der Goldschmiedekunst.


Eine neue Adelsschicht  Die La-Tène-Zeit

Just zu der Zeit, als die Dame von Vix beerdigt wurde, setzte ein Niedergang der frühkeltischen, hallstattzeitlichen Macht ein. Ob innere Krisen, geänderte Handelswege oder auch die Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Etruskern um die nach Norden führenden Handelsrouten mit dazu beigetragen haben, ist ungewiss.

Erkennbar ist nur, dass sich danach nordwärts zwischen Ostfrankreich und Böhmen eine neue, nun latènezeitlich benannte Adelsschicht manifestiert, deren Repräsentanten nicht nur Männer, sondern auch Frauen sein konnten. Vielleicht handelte es sich um Personengruppen, die der südlichen Hallstatt-Adelsschicht entstammten und die eine neue wirtschaftliche Grundlage vor allem in der gezielten Ausbeutung von Eisenerzlagerstätten sahen.

Denn in einigen Fällen liegen heute noch erkennbar zeitgleiche befestigte Höhensiedlungen, Adelsgräber und Eisenerzlagerstätten recht nah beieinander, sodass eine Verbindung zueinander bestanden haben kann. Soweit also diese Hinterlassenschaften zu ein und derselben Siedelgemeinschaft gehörten, könnten sie das jeweilige Herrschaftsgebiet eines keltischen Adligen umreißen.

Die Art der Grabausstattung blieb auch nach 500 v.Chr. bestehen. Sie erfuhr nur eine Wandlung in Form der Ausstattungsgüter. Die adligen Toten wurden im 5. und 4.Jahrhundert v.Chr. in meist großen, auch exponiert gelegenen Erdhügeln beigesetzt und mit dem moderneren zweirädrigen Streitwagen, mit Bronzegeschirr und kostbaren Schmuck- und Trachtbestandteilen für das Jenseits versehen. Neben Mischkesseln, den Stamnoi, gelangten bronzene Schnabelkannen aus Etrurien nach Norden, die ebenso wie Trinkhörner zum Trinkgeschirrsatz gehören konnten.

Die Form der Schnabelkanne regte keltische Kunsthandwerker zur Nachahmung an, sodass prachtvolle eigene Behältnisse entstanden. Sie gerade sind neben vielem anderen als hervorragende Zeugnisse keltischen Stil- und Kunstempfindens anzusehen, da bei ihnen ornamentale, tierische und pflanzliche Vorbilder in eine ganz eigene, unverwechselbare Form umgesetzt wurden.

An keramischen wie metallischen Produkten wurde ein Kunststil variiert, der eine Vorliebe für das Doppeldeutige, unterschiedlich Lesbare besaß und in gekonnter Manier mit Linien, Flächen und Mustern spielte. Für uns ist das heute nur teilweise, ganz schwer oder gar nicht zu entschlüsseln. Denn keltische Kunst spiegelt in vielen Bereichen das kaum durchschaubare magisch-kultische Denken der damaligen Zeit. Von ihr sollte schon zur Zeit der Verwendung Übersinnliches ausgehen, sodass mehrere Verständnisbarrieren bestehen können.

Die Vielfalt der Produkte reichte von Gebrauchsgegenständen wie Fibeln und Ringen bis hin zu porträtartigen Kopfdarstellungen, von Gefäßen bis zu Waffenbestandteilen.

Beispielhaft sei aus der Fülle an erhaltenen Gegenständen zunächst die bronzene Fibel von Parsberg (Oberpfalz) des 5.Jahrhunderts v.Chr. genannt, die am Fuß eine menschliche Maske mit Glotzaugen aufweist, während auf der gegenüberliegenden Bügelseite eine eher tierische Fratze von spiralförmigen Tierfiguren begrenzt wird. Eine ähnliche Verzierung tragen vier aus einem Schatzfund stammende Halsringe von Erstfeld (Schweiz), die den hohen handwerklichen Stand keltischer Künstler belegen (Ende 5./Anfang 4.Jahrhundert v.Chr.).

Aus einem Fürstengrab von Schwarzenbach (Kreis Sankt Wendel, Saarland) kommt der meisterhaft gefertigte Goldblechbeschlag einer Schale oder, eher wahrscheinlich, eines Trinkhorns oder eines Siebtrichters der 2.Hälfte des 5.Jahrhunderts v.Chr., der friesartig aneinander gereihte Ornamente zeigt.

Wie diese Muster im 4.Jahrhundert v.Chr. weiterentwickelt und umgestaltet wurden, illustriert der im Jahr 1981 entdeckte Prunkhelm von Agris (Département Charente, Frankreich): Auf Bronze und Eisen wurden verzierte Goldblechfolien aufmontiert und durch Korallenmuster ergänzt. Besonders schön ist die durchbrochen gehaltene, mit Golddrähten versehene Wangenklappe gefertigt.

Die menschlichen Gesichter wirken auf diesen Werken eher starr und maskenhaft, wie es auch ein aus Böhmen stammender Steinkopf mit Glotzaugen und spiraligen Augenbrauen- und Schnurrbartenden vermittelt, der mit einem Halsring ausgestattet  eine Gottheit, einen Helden oder Fürsten darstellen dürfte (2.1.Jahrhundert v.Chr.). Obwohl nur 25 cm hoch, lässt er die suggestive Wirkung des keltischen Kopfkults erahnen.

Die Auftraggeber, Träger und Besitzer derartig hervorragender Erzeugnisse sind in den Reihen der adligen Häuptlinge oder fürstlichen Adligen zu suchen, die sich mit ihrem Prestigegut und ihren persönlichen Schmuck- und Trachtteilen im 5. und 4.Jahrhundert v.Chr. für das Jenseits ausstatten und beisetzen ließen.

Als Beispiel aus der Zeit um 400 v.Chr. sei ein fürstlicher Mann aus Weiskirchen (Saarland) genannt, der mit kostbarem Gürtel- und Taschenschmuck, Fibeln und einem Prunkdolch als Zierwaffe beigesetzt worden war. Er trug die für die Kelten charakteristische karierte Hose, die den Griechen und Römern absolut fremd war. Dieses Kleidungsstück haben die Kelten wahrscheinlich von den Skythen oder Persern übernommen. Aufgrund antiker Nachrichten und bildlicher Darstellungen wissen wir übrigens, dass keltische Männer nackt, nur gegürtet oder mit der Hose bekleidet in den Kampf zogen. Überdies berichtet Strabon in seiner »Geographie«, dass die Kelten goldene Hals- und Armringe, die Vornehmen bunt gefärbte und goldgestickte Kleider trugen. Infolge dieser Eitelkeit seien sie unerträglich als Sieger, aber verblüfft als Besiegte gewesen.

Die Prunkliebe der Kelten mag auch die Ausstattung einer Dame von Waldalgesheim (Kreis Mainz-Bingen) verdeutlichen, die einige Jahre vor 400 v.Chr. beerdigt worden war und neben kostbarem Goldschmuck an Hals und Armen sowie bronzenen Beinringen zahlreiche Unheil abwehrende Amulette bei sich hatte. Diese sollten sie vor Krankheit oder frühem Tod schützen.


Wehe den Besiegten  Die keltische Expansion

Der in die Region nordwärts der Alpen gerichtete, insbesondere von den Etruskern getragene Handels- und Kulturaustausch dürfte einer der Auslöser dafür gewesen sein, dass keltische Gruppen noch im 5.Jahrhundert v.Chr. beutehungrig und vielleicht sogar wissbegierig in das oberitalische Gebiet eindrangen. Damit begannen die uns auch schriftlich überlieferten Konflikte mit den Römern.

Um 400 v.Chr. waren mit den Insubrern und ihrer »Hauptstadt« Mediolanum (Mailand), den Cenomanen um Verona und in der Poebene, den Boiern um Parma und Bologna und den Lingonen sowie den Senonen weite Teile nördlich des Apennins in der Hand der Kelten. Die Niederlage Roms am Zusammenfluss von Allia und Tiber 387 v.Chr. öffnete ihnen schließlich den Weg nach Rom. Nur wegen der legendären schnatternden Gänse soll das Kapitol unbesiegt geblieben sein.

Diese Begebenheit betrifft eine der bekanntesten Auseinandersetzungen der Römer mit den Kelten. Denn hier erlebte ein politisches Gemeinwesen, das bald zu einer Weltmacht aufsteigen sollte, die größte Schmach seiner langen Geschichte. Der Geschichtsschreiber Livius (59 v.Chr. bis 17 n.Chr.), der ja kein Zeuge dieser ereignisreichen Tage in Rom war, beschreibt dies eindrucksvoll in seinem 5.Buch (Römische Geschichte 5,47,111): Wie die Römer nach zermürbenden siebenmonatigen Belagerungen, Brandschatzungen und der teilweisen Zerstörung der Stadt durch die Kelten, die »die ganze Umgebung mit wildem Gesang und vielfältigem schrecklichen Geschrei erfüllten«, nur durch die schnatternden und flügelschlagenden Gänse einem nächtlichen Überfall auf den kapitolinischen Hügel entgingen, weil der Konsul Marcus Manlius durch den Lärm aufgeweckt wurde und Alarm schlug. Die Römer mussten 1000 Pfund Lösegeld in Gold bezahlen, und in ihren Ohren muss es wie Hohn geklungen haben, als der siegreiche Senonenfürst Brennus wegen angeblich zu leichter Gewichte sein Schwert mit den Worten »Vae victis« (»Wehe den Besiegten«) zusätzlich in die Waagschale warf!

Ein Jahr später verbündeten sich die Kelten, die Rom belagerten, mit dem Tyrannen Dionysios von Syrakus, der die Macht der Etrusker verringern wollte, und 368 v.Chr. gelangten sie als kriegerische Söldner erstmals nach Griechenland.

In Italien wurde der 332 v.Chr. zwischen Senonen und Römern geschlossene Friedensvertrag durch den zunehmenden römischen Expansionismus gefährdet. Der Vertrag half zwar, Handelskontakte zwischen den Kelten und den Etruskern zu verbessern, erleichterte es aber gleichzeitig den Römern, das Gebiet zwischen Tiber und Poebene entlang der adriatischen Küste zurückzugewinnen. Die Römer zerschlugen 295 v.Chr. ein Bündnis der Senonen, Etrusker, Umbrer und Samniten, und zwölf Jahre später wurde das senonische Territorium römisches Staatsland. 225 unterlagen die Boier, Insubrer und Geseten bei Telamon (heute Talamone), und 191 ging Mediolanum als Hauptsitz der Insubrer verloren.

Ein plastisches Bild der Kämpfe mit den Römern vermittelt ein Steinfries aus Civitalba in den italienischen Marken aus dem frühen 2.Jahrhundert v.Chr., der fliehende Kelten zeigt, die ein römisches Heiligtum geplündert haben.

Die Niederlage der Galater

Neben dem italischen Schauplatz wurde aber auch der Balkan mit keltischen Wanderungen oder Expansionsbewegungen konfrontiert. So traf eine Delegation 335 v.Chr. am Zusammenfluss von Donau und Morava mit Alexander dem Großen zusammen, der zu dieser Zeit einen Feldzug in das Balkan- und untere Donaugebiet unternahm. Alexander fragte seine Gäste, was sie am meisten auf der Welt fürchteten und zeigte sich wie sein Zeitgenosse PtolemaiosI. Soter in seiner »Alexandergeschichte« berichtet erstaunt darüber, dass ihm die Kelten erklärten, sie fürchteten allenfalls, dass der Himmel auf sie herunterfiele.

Der zunehmende Druck, den die Römer auf die Kelten in Italien ausübten, mag dazu beigetragen haben, dass keltische Söldner unter anderem neue »Betätigungsfelder« im Osten suchten. Um 280 v.Chr. traten drei Gruppen unter ihren Führern Kerethrios, Bolgios, Brennus und Akichorios an, um in Griechenland einzufallen, was 279 v.Chr. mit einer vernichtenden Niederlage des thrakisch-makedonischen Königs Ptolemaios Keraunos begann. Brennus' Versuch indes, das Heiligtum von Delphi zu plündern, misslang. Teile der nach Norden abziehenden Kelten gründeten um 277 v.Chr. im heutigen Bulgarien sogar ein kurzlebiges Reich, das Königreich von Tylis, einem Ort in Südthrakien, das aber nur bis 221 v.Chr. bestand.

Später, im Jahr 278 v.Chr., gelangten keltische Tektosagen nach Kleinasien, um als Söldner König NikomedesI. von Bithynien zu dienen. Nach Ausbleiben des Solds zogen sie brandschatzend durch das mittlere Kleinasien und die Küstenregionen und zerstörten das Apolloheiligtum von Didyma.

Das weitere Schicksal dieser kleinasiatischen Kelten oder Galater ist von Niederlagen gekennzeichnet, so um 230 v.Chr. an den Kaikosquellen bei Pergamon gegen den pergamenischen König AttalosI. und 190 v.Chr. an der Seite des Seleukiden Antiochos III., der bei Magnesia am Sipylos gegen die Römer antrat. Besiegt wurden sie auch von dem durch die kleinasiatischen Städte herbeigerufenen römischen Konsul Gnaeus Manlius Vulso. Die eigenständige Existenz Galatiens, des keltischen Siedlungsgebiets im Innern von Kleinasien, endete 25 v.Chr. mit der Ernennung zur römischen Provinz.

Besonders eindrucksvolle Zeugnisse dieser Zeit stellen Plastiken dar, die Attalos I. nach seinem Sieg über die Galater im Tempel von Pergamon errichten ließ. Voran der berühmte »Sterbende Gallier«, der nach 228 v.Chr. geschaffen wurde und bisher als römische Marmorkopie der originalen Bronzestatue galt; heute wird er, vor allem wegen der Herkunft des Marmors aus Kleinasien und der Feinheit der Ausführung, von manchen Archäologen für das Original selbst gehalten. Ebenso eindrucksvoll ist die weniger bekannte Gruppe des aufrechten keltischen Kriegers, der, nachdem er zuerst seine Frau getötet hat, sich selbst mit dem Schwert den Tod gibt. Erhalten ist hier ebenfalls nur eine Marmorkopie.


Wachsende Bedrängnis  Gallien und Britannien fallen an Rom

Für die Kelten waren die letzten vorchristlichen Jahrhunderte aber nicht nur in den Randbereichen ihres Siedlungsterritoriums von zunehmenden Niederlagen gekennzeichnet. Die Expansionsbestrebungen Roms, welches das Hilfeersuchen bedrängter Verbündeter immer wieder geschickt und selbstbewusst ausnutzte, zielten ab der Mitte des 2.Jahrhunderts v.Chr. zunehmend auf das keltische Kernland ab. Die Geschehnisse, die im Zuge der gallischen Kriege Caesars 58 bis 51 in der Gefangennahme des Arvernerprinzen Vercingetorix gipfelten, sind als Kette keltischer Niederlagen und Demütigungen anzusehen.

Nach der Einnahme Numantias, der Hauptstadt der keltischen Arevaker am Oberlauf des Duero in Spanien, brachen die Römer 133 v.Chr. den langjährigen Widerstand der »Keltiberer«, der keltischen Stämme auf der Iberischen Halbinsel, endgültig und richteten um 120 in Südfrankreich die Provinz Gallia Narbonensis ein. Damit sicherten sie sich die Landverbindung nach Spanien.

Weitere Turbulenzen erwuchsen den Kelten durch die in Osteuropa ausgelösten Wanderungsbewegungen der Germanen, die mit dem Zug der Kimbern und Teutonen begannen. Diese durchzogen 113 bis 101 v.Chr. Süddeutschland, Ostfrankreich, Oberitalien und den Alpenraum, bis sie in der Narbonensis bezwungen wurden. Nach weiteren germanischen Vorstößen ab etwa 75 v.Chr. kam es 62/61 v.Chr. zur Konfrontation mit den keltischen Äduern (Häduern) im Elsass, die Caesar zu Hilfe riefen. Er vertrieb daraufhin 58 v.Chr. die eingedrungenen Sweben unter ihrem Führer Ariovist.

Angesichts dieser prekären Situation versuchten die Helvetier, nach Südwestfrankreich auszuwandern, indem sie ihre Siedlungen zerstört zurückließen. Nach vernichtender Niederlage wurden sie aber von Caesar in ihr Stammesgebiet zurückgezwungen.

In diesem Jahr 58 griff er zunehmend in die außen- und innenpolitischen Geschehnisse Galliens ein. In einer gemeinsamen Anstrengung versuchten die west- und zentralgallischen Stämme unter Vercingetorix, generellen Widerstand gegen die römischen Okkupationsversuche zu leisten. Die Vernichtung von Avaricum (Bourges), dem Hauptort der Bituriger, setzte ein erstes Fanal, das in der Belagerung der Avernerfestung Gergovia (wohl bei Clermont-Ferrand) und der Eroberung Alesias (am Mont Auxois im Département Côte d'Or) endete. Vercingetorix geriet 52 v.Chr. in Gefangenschaft und wurde 46 v.Chr. im Todestrakt des römischen Staatsgefängnisses am Fuß des Kapitols hingerichtet.

Damit war das Schicksal Galliens besiegelt: der Krieg bedeutete für wohl drei Millionen Kelten den Tod oder die Versklavung.

Nicht anders verlief Jahrzehnte später die römische Eroberung des keltischen Britannien. Nach dem Aufstand der icenischen Königin Boudicca 61 n.Chr. brach der insulare Widerstand endgültig zusammen, und nur Wales, Nordschottland und Irland wurden nicht erobert und blieben keltisch.

Der König der britischen Icener und Gatte der Boudicca, Prasutagus, hatte in seinem Testament neben seinen Töchtern den römischen Kaiser eingesetzt, um Familie und Land vor Gewalttaten zu schützen. Da die Römer die Icener jedoch als recht- und schutzlose Bewohner eines eroberten Landes behandelten, formierte sich Widerstand unter Boudicca. Eine Abwesenheit des Statthalters Suetonius Paulinus nutzte sie dazu zusammen mit den Trinobanten Städte wie Londinium (London) und Camulodunum (Colchester) zu erobern. Der rasch herbeigeeilte Suetonius schlug den Aufstand unter hohen Verlusten der britischen Kelten nieder, und Boudicca endete durch Selbstmord oder Krankheit 61 n.Chr.

Fortleben keltischer Sprache und Kunst

In Wales, Nordschottland und Irland hat sich die keltische Sprache bis heute erhalten, blieb keltischer Kunststil bis ins Mittelalter lebendig. Im 1.Jahrhundert v.Chr. hatte sich auf den Britischen Inseln ein eigenes keltisches Kunstempfinden ausgebildet, das unter Einsatz des Zirkels die Gestaltung komplizierter Muster ermöglichte.

Als Beispiel sei der Bronzespiegel von Desborough genannt, der wie andere Spiegel um die Zeitenwende in Südengland hergestellt worden ist. Über dem durchbrochen gearbeiteten Handgriff zeigt er auf der Rückseite ein pflanzenartiges, spiegelbildlich gestaltetes Muster. Dieselbe Symmetrie weist ein mit Emaileinlagen versehener Paradeschild aus der Themse bei Battersea auf. Er gilt als Hauptwerk keltischer Kunst in Britannien. Ein Steinpfeiler von Turoe (Galway, Irland) gehört ebenfalls in die Zeit vom 1.Jahrhundert v. Chr. bis zum 1.Jahrhundert n.Chr. Seine Form erinnert an etruskische Grab- und Kultpfeiler, seine pflanzliche Reliefierung zeigt sehr schöne keltische Ornamentik.

Dass derartige keltische Spiralornamentik vor allem in Irland bis ins 12.Jahrhundert lebendig blieb, belegen neben Metallarbeiten die Beispiele in der Buchmalerei, etwa das berühmte »Book of Durrow« oder das »Book of Kells«.

Das um 800 entstandene »Book of Kells« enthält eine Sammlung lateinischer Evangelien, die irische Texte begleiten und ist als Meisterwerk irischer Buchmalerei anzusehen. Das ältere, 675 angefertigte »Book of Durrow« vereinigt Elemente der Buchmalerei mit solchen der Goldschmiedekunst. Beide Werke sind Beispiele dafür, dass in Irland das seit dem 5.Jahrhundert einsetzende Christentum Impulse keltischen Stilempfindens neu belebte. Traditionelles blieb also wirksam, bis hin zu den monumentalen Steinkreuzen. Erst im 12.Jahrhundert beendeten die angelsächsische Invasion und neue Mönchsorden den keltischen Kunsteinfluss, der aber in Literatur und Sprache bis heute fortlebt.

Die seit dem 6.Jahrhundert entstandenen Heldensagen haben unsere Vorstellung über den keltischen Volkscharakter und die Denkweise der Kelten stark beeinflusst. Die 1155 in Wales entstandene Sage über König Artus fußt ebenso auf Keltischem wie die zwischen 1760 und 1763 durch James Macpherson geschaffene Ossiandichtung. Obwohl hier mündlich überlieferte volkstümliche Balladen des schottischen Hochlands mit eigener Dichtung vermischt und fälschlich einem blinden Barden Ossian, Sohn des Fingal, aus dem 3.Jahrhundert zugewiesen worden sind, war die Ossianbegeisterung gerade in Deutschland außerordentlich groß. Goethe ließ seinen Werther im gleichnamigen Werk ganze Passagen aus dem »Ossian« deklamieren, und heutzutage findet die religiöse Welt der Kelten eine Neubelebung im Bereich der Esoterik.

Wenngleich hier das verehrte Kultvolk kaum etwas mit den historisch überlieferten Keltenstämmen gemeinsam hat, so wirken vor allem Druiden-, Artus- und Irlandzauber nachhaltig zur Erzeugung tieferer, jenseitig bestimmter oder naturbezogener Geschehnisse.

Das fällt in Deutschland umso leichter, als hier eher die Germanen zur geschichtlichen Identifikation beitragen, während die Kelten aufgrund ihres historischen Schicksals aus dem Bewusstsein der Bevölkerung verschwunden sind. Ganz im Gegensatz zu Schottland, Irland, Wales und der Bretagne, wo keltische Sprachen heute in dem Maße wieder belebt werden, wie Europa stärker zusammenwächst und die Suche nach regionaler Eigenidentifikation zunimmt.

Aber kehren wir nochmals in die Zeit des 2. und 1.Jahrhunderts v.Chr. zurück, aus der historische Nachrichten vorliegen und in der das Schicksal der Kontinentalkelten entschieden wurde.

Das Ende des letzten Jahrtausends v.Chr. bildete für Mitteleuropa in kulturhistorischer und politischer Hinsicht zweifellos eine deutliche Zäsur. Während die Welt der Kelten auseinander brach, traten die germanischen Völker erstmals unter dem Namen Germanen in die Geschichte ein, und die römische Kolonialmacht griff erstmals über die Alpen nach Norden aus. Im ehemaligen Kerngebiet der frühen Kelten entstand ein Spannungsfeld, das sich auf Kosten vieler Menschen und deren Hab und Gut entlud. Caesar war dabei einer der Hauptakteure im Spiel der Mächtigen. Er beobachtete gut, beschönigte aber auch oder verschleierte vieles in offiziell römischem Sinne, sodass die erhaltenen archäologischen Zeugnisse häufig ein viel besseres und genaueres Bild der Wirklichkeit zu liefern vermögen als die schriftlichen Quellen. Die Erschließung neuen archäologischen Quellenmaterials in den letzten Jahrzehnten zeigt, wie komplex die Vorgänge in dieser epochalen Umbruchszeit gewesen sein müssen, und lässt erahnen, was an Neuem künftig zu erwarten sein wird.


Höhepunkt vor dem Ende  Die Oppidazivilisation

Von dem Zeitpunkt an, da Massalia den römischen Beistand zur Abwehr keltischer Beutehorden suchte, erschien Rom wie so oft als Retter und blieb als Besatzungsmacht. Die folgende Schaffung der Provinz Gallia Narbonensis von den östlichen Pyrenäen bis zum Westalpenrand und bis hinauf zum Genfer See bedeutete das Ende zahlreicher befestigter einheimischer Höhensiedlungen. Ihr mittelmeerisch geprägtes »Stadtbild« mit geregeltem Bebauungsplan, mit Straßen, Speichern und Zisternen, die Keramik und die Verwendung der griechischen Schrift einerseits, die keltische Art der Tracht und Bewaffnung andererseits, müssen im Laufe des 2.Jahrhunderts v.Chr. nachhaltig auf die Anlegung ähnlicher Siedlungen nordwärts davon gewirkt haben. Ihre Großräumigkeit, die mittelalterliche Bewehrungen übertraf, und die Art der Wehrmauern veranlassten Caesar, hier von oppida zu sprechen.

Diese Siedlungen besaßen zwar in der Regel nicht die streng organisierte Wohnstruktur ihrer südlichen Nachbarn, sie hatten aber ebenso wie diese eine politisch-wirtschaftliche Mittelpunktsfunktion innerhalb einer Stammesgemeinschaft inne. Als Sitz der Verwaltung und der Rechtsprechung, als Ort des Stammesheiligtums boten sie Platz für handwerkliche Betriebe, waren Wohnsitz des Adels und Fluchtburg der umliegenden Bevölkerung. Hier regierten die Könige oder adligen Häuptlinge, agierten die Druiden und Krieger, arbeiteten privilegierte Handwerker, und es bestand noch genügend Raum für bäuerliche Tätigkeiten. Zusammen mit dem umliegenden Einzugsgebiet stellten diese Oppida also in sich geschlossene, voll funktionsfähige Siedlungseinheiten dar.

Aufgrund der gleichartigen Gesellschafts-, Siedlungs- und Wirtschaftsform kann man daher in Europa mit Recht von einer Oppidazivilisation sprechen. Die erhaltenen archäologischen Funde zeigen, dass eine erstaunliche Uniformität der spätkeltischen Produkte quer durch ganz Europa existierte, die für einen regen zivilisatorischen und kulturellen Austausch von Handels- und Gedankengütern sprechen.

Das zeigt beispielsweise die Art der Befestigung in Gestalt der von Caesar beschriebenen gallischen Mauer, des murus Gallicus. Sie war vor allem im westkeltischen Gebiet üblich. Bei ihr wurde ein ausschließlich horizontales Holzrahmenwerk mittels Eisennägeln verbunden, mit Füllmaterial und Trocken-blendmauer versehen. Das Ganze erhielt auf der Wallinnenseite eine zusätzliche Rampenschüttung. Im östlichen Oppidabereich überwog die Pfostenschlitzmauer, deren Stirnseite eine Steinfront mit senkrecht stehenden Holzbalken aufwies, die nach Vermoderung Schlitze stehen ließen.

Einen hohen technischen Stand erkennen wir vor allem beim Schmiedehandwerk, das Geräte, Werkzeuge und Waffen in bis dahin unbekannter Vielfalt bereitstellte. So gibt es allein aus dem nur teilweise ausgegrabenen Oppidum von Manching bei Ingolstadt neben eisernen Waffen und Schmuckstücken an die 200 verschiedene eiserne Gerätetypen, die wie beispielsweise Hämmer, Zangen, Feilen, Bohrer, Meißel und Scheren bis heute in ihrer Funktion und in ihrem Aussehen unverändert geblieben sind! Einen ebenso hohen Stand wies das spätkeltische Töpferhandwerk auf, das neben importierten Weinamphoren, Ton- und Bronzegeschirren durchaus bestehen konnte. Als Spitzenprodukte sind bemalte Gefäße anzusehen. Eine besondere Rolle spielte verschiedenfarbiger Glasschmuck in Form von Armringen und Ringperlen.

Einen Beleg für den gehobenen Zivilisationsgrad der Oppida bilden die als Zahlungs- und Tauschmittel eingesetzten eigenen Münzen, die wohl ab der Mitte des 3.Jahrhunderts v.Chr. geprägt wurden. Die meisten Prägungen gingen auf griechische und römische Vorbilder zurück, wobei vor allem griechische Herrscherbilder des 4. und 3.Jahrhunderts v.Chr. beliebte Vorlagen darstellten. Es sind hierbei Motive PhilippsII. von Makedonien, Alexanders des Großen, des Lysimachos von Thrakien und des AntigonosII. Gonatas von Makedonien verwendet worden. Andere Vorbilder waren griechische Stadtmünzen, doch gibt es auch viele eigenständige, schwer deutbare keltische Prägungen. Am Anfang standen goldene Münzen; es folgten im schweizerisch-süddeutschen Raum silberne nach der Mitte des 2.Jahrhunderts v.Chr. Danach kamen Potin-(Zinn-)und Bronzemünzen an der Wende vom 2. zum 1.Jahrhundert v.Chr. in Umlauf. Die Münzen gingen in keltischer Zeit verloren. Häufig werden sie in Hort-, Schatz- bzw. Versteckfunden, zuweilen als Einzelfunde, seltener als Grabbeigaben geborgen.

Im Zuge der gallischen Kriege Caesars endete die Blütezeit der kontinentalen Oppida. Sie waren nicht nur als Reaktion auf das Eindringen der Römer in Südfrankreich entstanden und kontinuierlich gewachsen, sondern sie entwickelten sich auch unter dem Eindruck, den die Kelten infolge ihrer Züge in das Mittelmeergebiet und ihrer dortigen Siedelversuche gewonnen hatten. Der daraufhin einsetzende Rückstrom heimkehrender Kelten leitete im Norden eine neue Epoche ein, die zum zivilisatorischen und kulturellen Höhepunkt der Oppidazivilisation führte. Er barg aber zugleich den Keim des Untergangs in sich.

Die Römer trafen also auf durchaus Verwandtes im Zuge ihrer nach Norden gerichteten Okkupationen, und Gallien passte sich relativ rasch der neuen römischen Lebensweise an. Trotz großer Verluste auf beiden Seiten entstand letztlich eine recht fruchtbare, von den Römern geduldete und geförderte Symbiose, die den Gang der nächsten Jahrhunderte maßgeblich beeinflussen und mitbestimmen sollte.
Prof. Dr. Hans-Eckart Joachim

Kelten, westliche Hallstattkultur und La-Tène-Kultur

Ganz Gallien zerfällt in drei Teile. Den einen bewohnen die Belger, den zweiten die Aquitaner, den dritten die Menschen, die in ihrer eigenen Sprache »Kelten«, in unserer »Gallier« heißen.« So lautet der bekannte erste Satz in Iulius Caesars Bericht über den siebenjährigen Gallischen Krieg (5851 v.Chr.), mit dem die Zeit der keltischen Unabhängigkeit auf dem europäischen Festland ihr Ende finden sollte. »Kelten« so nannte schon im 5.Jahrhundert v.Chr. der »Vater der Geschichtsschreibung« Herodot die Bewohner der Gebiete »jenseits der Säulen des Herakles« (das heißt der Meerenge von Gibraltar), und so bezeichnete auch gut dreihundert Jahre später der stoische Philosoph Poseidonios jene Menschen, deren Sitten er während seines Aufenthalts im Umland der griechischen Kolonie Massalia (Marseille) studierte und in farbigen Schilderungen der Nachwelt überlieferte.

Wer dagegen in antiken Quellen nie als Kelten bezeichnet wird, das sind die Bewohner eben jener Länder, die man heute mit Vorliebe »keltisch« nennt: Irland, Schottland und Wales. Dass dort Nachfahren jener Kelten leben, von denen die griechischen und römischen Autoren berichten, war noch im Mittelalter auch den Iren, Schotten und Walisern selbst unbekannt. Erst die Humanisten des 16.Jahrhunderts bemerkten die Ähnlichkeit des Irischen und Walisischen mit dem aus antiken Quellen bekannten Keltischen, und erst der Sprachwissenschaftler Franz Bopp erkannte im 19.Jahrhundert die Zugehörigkeit des Keltischen zur großen indogermanischen oder indoeuropäischen Sprachfamilie. Bald darauf schuf der Historiker und Sprachwissenschaftler Johann Kaspar Zeuss mit seiner »Grammatica Celtica« (1853) die Grundlage der Erforschung keltischer Sprachen und Literaturen, eben der modernen Keltologie.

Welche materiellen Überreste der vorrömischen Zeit den Kelten zuzusprechen seien, sollte jedoch bis ins letzte Viertel des 19.Jahrhunderts unklar bleiben. Hatten noch Altertumsforscher des 17./18.Jahrhunderts wie Henry Rowlands oder William Stukeley unterschiedslos Monumente der Stein- und Bronzezeit mit den aus antiken Quellen bekannten Kelten in Verbindung gebracht, so setzte sich im 19.Jahrhundert die Auffassung durch, dass die für uns erkennbare Geschichte der Kelten eigentlich erst in der Eisenzeit beginnt. Indem er die archäologischen Funde der vorrömischen Eisenzeit nach stilistischen Kriterien entweder einer älteren Hallstattkultur oder einer jüngeren La-Tène-Kultur zuordnete, schuf der schwedische Archäologe Hans Hildebrand 1872 erste Ansätze zu einer Chronologie jener weitgehend schriftlosen Epoche mitteleuropäischer Geschichte. Ausschlaggebend für die Wahl dieser Bezeichnungen waren die reichhaltigen Funde, die seit den 40er- und 50er-Jahren des 19.Jahrhunderts aus einem Gräberfeld bei Hallstatt (im österreichischen Salzkammergut) und aus einer La Tène genannten Untiefe an der Nordspitze des Neuenburger Sees (in der Schweiz) zutage gekommen waren.

Nach rund 150-jähriger Grabungs- und Forschungstätigkeit zeichnet die moderne Archäologie ein in vielen Zügen gewandeltes und zugleich umfassenderes, detaillierteres und plastischeres Bild der keltischen Welt. Dazu haben neben einer Fülle neuer Entdeckungen gerade in der jüngsten Vergangenheit vor allem verfeinerte Grabungs- und Konservierungstechniken sowie der Einsatz naturwissenschaftlicher Methoden bei der Untersuchung archäologischer Objekte beigetragen. Dadurch konnte auch die Chronologie im ganzen und in vielen Einzelheiten präzisiert werden. Die La-Tène-Kultur (späteres 5.1.Jahrhundert v.Chr.) hatte bereits Otto Tischler in eine frühe, mittlere und späte La-Tène-Zeit untergliedert. Sie gilt in allen ihren Ausprägungen bis heute als die keltische Kultur schlechthin. Die Hallstattkultur dagegen teilt man seit langem in eine ältere (ausgehendes 8. und 7.Jahrhundert v.Chr.) und eine jüngere (6. und älteres 5.Jahrhundert v.Chr.) Zeitstufe. Außerdem unterscheidet man zwischen einem westlichen Hallstattkreis (Ostfrankreich, Schweiz, Süddeutschland und westliches Österreich) und einem östlichen Hallstattkreis (östliches Österreich und Balkanraum). Heute bringen Archäologen üblicherweise nur Funde aus der letzten Phase des westlichen Hallstattkreises unmittelbar mit den aus antiken Quellen bekannten Kelten in Verbindung.

Die Altersbestimmung dieser Funde beruht indessen längst nicht mehr allein auf stilistischen Kriterien oder darauf, dass manche Gräber genauer datierbare Importstücke aus dem Mittelmeerraum enthalten. Vor allem durch die moderne Methode der Dendrochronologie (der Altersbestimmung von Hölzern anhand der Jahresringe) kann man heute einzelne Ereignisse der keltischen Geschichte unter günstigen Umständen auch ohne schriftliche Quellen aufs Jahr genau bestimmen.

Allerdings ist gerade die älteste Geschichte der keltischen Völker auch heute noch längst nicht in allen Einzelheiten bekannt. So spricht insbesondere die frühe Abwanderung keltisch sprechender Bevölkerungsteile aus Mitteleuropa nach Oberitalien und der Iberischen Halbinsel dagegen, die keltische Kultur mit der geographisch enger begrenzten La-Tène-Kultur ohne weiteres gleichzusetzen. Auch ist zu vermuten, dass die keltische Kultur Irlands ihre Blüte nicht zuletzt der Verschmelzung zugewanderter keltischer Stämme mit der historisch nicht mehr fassbaren alteingesessenen Bevölkerung jener Gegenden am Rande Westeuropas verdankt.


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